Concilium

Concilium 2018-2. 人類安全

編輯者: Michelle Becka 騙局 Felix Wilfred 騙局 Mile Babić


此版本的完整翻譯有以下語言版本:
English: Human security
Español: Seguridad humana y orden internacional
Deutsch: Menschliche Sicherheit
Italiano: Sicurezza umana. Contributi dalla teologia
Português: Segurança humana


社論

“Menschliche Sicherheit” geht als Begriff und Konzept zurück auf den Bericht zur Menschlichen Entwicklung von 1994, der den Titel trägt „New Dimensions of Human Security“. Ziel dieses Berichts ist es, Sicherheit als Sicherheit von Menschen zu verstehen und nicht von Staaten und Hoheitsgebieten: 

“For too long, the concept of security has been shaped by the potential for conflict between states. For too long, security has been equated with the threats to a country’s borders. For too long, nations have sought arms to protect their security. For most people today, a feeling of insecurity arises more from worries about daily life than from the dread of a cataclysmic world event. Job security, income security, health security, environmental security, security from crime – these are the emerging concerns of human security all over the world.“ (UNDP, Human Development Report 1994, 3)

 „Menschliche Sicherheit“ stellt nicht Staaten, sondern Personen ins Zentrum und zielt auf deren persönliche Sicherheit und individuelle Freiheit: Sie erfordert Freiheit von Furcht („fear“) und Freiheit von Mangel („want“). Darin steckt die wichtige Erkenntnis, dass sowohl die Furcht vor Bedrohungen, Verlust oder einer ungewissen Zukunft das Sicherheitsempfinden von Menschen beeinflusst, als auch materielle Not – mit all ihren Begleiterscheinungen. Menschliche Sicherheit im Sinne des Berichts zur menschlichen Entwicklung umfasst sieben Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, Ernährungssicherheit, Gesundheit, persönliche Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Gewalt und anderen Bedrohungen), Umwelt (als Schutz vor Umweltkatastrophen und -bedrohungen, wie Mangel an Trinkwasser, Desertation etc.), Gemeinschaft (den Schutz in Gemeinschaften und von Gemeinschaften umfassend) und politische Sicherheit (vgl. UNDP, 1994, 24-33). Sie erfordert Schutz und die Schaffung von Bedingungen, welche die Gestaltung von Freiheitsräumen und die Entfaltung von Fähigkeiten in diesen Bereichen ermöglichen. Sie kann zudem aufgrund von Interdependenzen und globalen Auswirkungen lokaler Praktiken nur global verstanden werden und bedarf entsprechender internationaler politischer Anstrengungen. 

Innerhalb der Vereinten Nationen spielt das Konzept der Menschlichen Sicherheit seit 1994 eine wichtige Rolle. 2001 wird eine Kommission für die menschliche Sicherheit gegründet. Empfehlungen zum Schutz vor den Bedrohungen menschlicher Sicherheit werden formuliert, die in weiteren Gremien und Arbeitsgruppen konkretisiert und fortentwickelt werden. Im Jahr 2004 erlässt die Generalversammlung eine Resolution (64/291) zur Menschlichen Sicherheit: 

“a) The right of people to live in freedom and dignity, free from poverty and despair. All individuals, in particular vulnerable people, are entitled to freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to enjoy all their rights and fully develop their human potential.”

Auf dieser Grundlage wird menschliche Sicherheit bestimmt als personzentrierter, umfassender, kontextspezifischer und präventionsorientierter Schutz und als Empowerment von Einzelnen und Gemeinschaften. Dabei erscheint menschliche Sicherheit unlösbar verknüpft mit Frieden, Entwicklung und Menschenrechten. Die Resolution unterstreicht die primäre Verantwortung der Staaten, die aber in eine Partnerschaft und Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft eingebettet sein soll.

Eine Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs, wie ihn die Vereinten Nationen vorgenommen haben, war sinnvoll und notwendig, weil sie der Vielfalt und Komplexität von Sicherheitsbedürfnissen und -bedrohungen Rechnung trägt und die Person ins Zentrum stellt. Und doch scheint der sinnvolle und innerhalb der UN prominente Begriff in der Realität wenig wirksam geworden zu sein. 

Beinahe 25 Jahre nach Erscheinen des Berichts möchte dieses Heft das Thema wieder aufgreifen und im Kontext der Theologie neu akzentuieren und diskutieren. Ein erneutes Nachdenken über Sicherheit erscheint erforderlich, da sich die Welt und die Beurteilung von Sicherheit – nicht nur, aber auch in Folge des 11. Septembers 2001 – in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert hat. Dazu gehört auch, dass eine Unsicherheit aus den Sorgen des täglichen Lebens und eine Unsicherheit aufgrund einer durch Katastrophen bestimmten Weltlage, wie sie im oben genannten Zitat aus dem UNDP-Bericht – begründet oder nicht – unterschieden wird, kaum mehr zu trennen sind. Das wiederum scheint heute vermehrt Staaten als Legitimation zu dienen, in Kategorien der nationalen Sicherheit zu denken. Angesichts echter und vermeintlicher Bedrohungen ist die Rede von Sicherheit omnipräsent, dient der vordergründigen Rechtfertigung der Beschränkung von Freiheitsrechten oder der Anwendung von Gewalt. Das allerdings kann nicht der richtige Weg sein. Dass es dennoch ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, ist kaum zu leugnen. 

Sicherheit bleibt ein ambivalenter und weit interpretierbarer Begriff. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem, was menschliche Sicherheit ist oder sein sollte, ist daher notwendig. 

Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, und sie verstehen „menschliche Sicherheit“ auf verschiedene Weisen. Einige Beiträge setzen sich explizit mit dem Begriffskonzept der Vereinten Nationen auseinander – in befürwortender Weiterentwicklung oder kritischer Auseinandersetzung; andere reflektieren Sicherheit eher losgelöst davon. Bei aller fruchtbaren Differenz der Beiträge zeigt sich, dass gerade nicht eine Rückkehr zu einem Konzept nationaler oder militärischer Sicherheit notwendig ist, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung, inhaltliche Füllung und Profilierung des Konzepts der menschlichen Sicherheit. Die Theologie trägt dazu maßgeblich bei, weil sie das UN-Konzept um wesentliche Perspektiven erweitert und inhaltlich fundiert. Die theologische Fundierung kann dabei, wie die Beiträge dieses Heftes zeigen, sehr unterschiedliche Aspekte hervorheben, die einander aber nicht widersprechen, sondern ein komplexes und damit angemesseneres Bild von Sicherheit zeichnen – und gleichzeitig das Versprechen absoluter Sicherheit als unhaltbar entlarven. 

Regina Ammicht-Quinn entfaltet die Komplexität des Begriffs der Sicherheit und hebt seine Ambivalenz hervor. Sie stellt eine Dominanz der Sicherheit in den Ländern des Nordens fest und kontrastiert sie mit dem Befund gleichzeitiger Entsicherung – als Verlust von Vertrauen einerseits und äußerst unsicheren Lebensbedingungen für einige andererseits. In dieser Situation wird oft eine absolute Sicherheit versprochen, und in dem Versprechen übersteigt der Wert der Sicherheit alles andere. Eine solche absolute Sicherheit ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch; sie tendiert zudem zu einer ungerechten Sicherheit.  Gegenüber der Verabsolutierung fordert Ammicht-Quinn eine kluge Begrenzung von Sicherheit und führt einen Begriff von Sicherheit ein, der nicht Securitas ist, sondern Certitudo, „die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.“ Der Religion kommt darin eine besondere Kompetenz zu, da sie durch die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins helfen kann, mit Verunsicherung umzugehen.

Erny Gillen erläutert den Begriff der menschlichen Entwicklung im Anschluss an die UN und würdigt ihn; er kritisiert das Konzept anschließend, weil es seines Erachtens die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit auf Kosten der Freiheit auflöst und zudem einen irreführenden und zugleich leeren Begriff der Sicherheit zum Ideal erhebt, der für die Praxis irrelevant bleiben muss. Um „menschliche Sicherheit“ inhaltlich zu schärfen und ihn praxisrelevant zu machen, skizziert er im Anschluss an Papst Franziskus vier Spannungsfelder, in denen sich menschliches Leben vollzieht: Zeitund Raum, Einheit und Konflikt, Idee und Wirklichkeit, Ganzes und Teil. Gillen würdigt jeweils beide Pole der Felder und trägt die Dynamik der jeweiligen Spannungen in den Begriff der menschlichen Sicherheit ein, der dadurch inhaltlich und ethisch aufgeladen wird, und dem auf diese Weise mehr Praxisrelevanz zukommt.

Die nächste Gruppe von Beiträgen versammelt genuin theologische Perspektiven auf „Sicherheit“. Rainer Kessler zeigt auf, welche Verständnisweisen von Sicherheit im Alten Testament vorliegen. Einerseits ist die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Erfahrungen großer Unsicherheit geprägt – seien es individuelle Bedrohungserfahrung durch Kriminalität o.ä. oder aber kollektive wie beispielsweise durch Umweltkatastrophen. Gefühle der Unsicherheit führen in den alttestamentlichen Texten, insbesondere den Psalmen, teilweise zu Klagen, vor allem aber zum Ausdruck des Sehnens nach einem sicheren Ort. Die alttestamtliche Sicherheit ist mehr als eine Gemütsverfassung, die trügen kann, aber auch mehr als ein Waffenstillstand. Wirkliche Sicherheit wird häufig mit dem Bild vom „sicheren Wohnen“ in Verbindung gebracht; sie ist nicht denkbar, so unterstreicht Kessler, ohne Frieden und Gerechtigkeit, wodurch der Begriff der Sicherheit entscheidend erweitert wird.

Knut Wenzel führt die Unterscheidung zwischen dem Bedürfnis nach und dem Diskurs über Sicherheit ein, um so den Sicherheitsdiskurs kritisieren zu können, ohne das Bedürfnis in Abrede zu stellen. Er zeigt, wie in Diskursen Sicherheit imaginiert wird – etwa in der Bedeutung der Astronomie in Hochkulturen, die darin angesichts von Bedrohung und Chaos Ordnung erfahrbar und berechenbar macht. Gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Astronomie sieht er in der Schöpfungstheologie die Sicherheit durch die Rückführung aller Wirklichkeit auf ein einziges Verursachungsprinzip garantiert, ohne aber dadurch Schöpfung als Kausalzusammenhang zu missverstehen und so die Freiheit aufzugeben. Vielmehr sei Schöpfung als ein von Gott initiiertes Subjektgeschehen aus Liebe zu verstehen und der Mensch darin als Geschöpf zugleich unverfügbar, so dass seine Antwort frei – und damit ungewiss ist. Jene „Dekonstruktion der Sicherheit durch den Absolutismus der Liebe“ in der Schöpfung lässt Wenzel schließlich mit Psalm 121 in eine Perspektive münden, in der Sicherheit verstanden wird als abundantia: Überfluss – theologisch: Gnade.

Matías Omar Ruz nimmt die ambivalente Rolle der Kirche in Sicherheitsdiskursen in den Blick – im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur und heute. Auf dem Hintergrund des Kalten Krieges betrachteten in den 1960er bis 1980er Jahren viele, auch die Kirche Argentinien, den Kommunismus als große Bedrohung. Dagegen entstand die Doktrin der nationalen Sicherheit, die sich zu einem „Kreuzzug gegen Terrorismus“ entwickelte und mit der Kriminalisierung politisch Oppositioneller einherging. Dies geschah in enger Verbindung mit Teilen der kirchlichen Hierarchie; gemeinsam wurde die Identität als katholische Nation vorangetrieben, und die Verteidigung christlicher Werte konnte zum Leitmotiv der Diktatur werden. Auf dem Hintergrund dieses Sicherheitsdiskurses sind aktuelle, mit Gewalt verbundene, Ereignisse zu situieren, die erneut Sicherheitsfragen stellen, wie Ruz am Beispiel der Mapuche und der Rentenreform deutlich macht. In der aktuellen Situation zeigt sich ein weitgehend gewandelter Sicherheitsbegriff in der Kirche, gemäß dem Sicherheit nicht durch Gewalt herzustellen ist, sondern den Schutz des Menschseins in all seinen Dimensionen erfordert.

Angesichts der Erfahrung von extremer Armut und Gewalt stellt sich die Frage nach sozialer Sicherheit besonders drängend. Unter dem Titel „Unsicherheit, Armut und Gewalt“ sind im nächsten Teil Reflexionen zusammengeführt, die in sehr konkreten Situationen der Unsicherheit auf verschiedenen Kontinenten ihren Ausgang nehmen. Auf je unterschiedliche Weisen spielt das Verhältnis von Staat und kleineren Gruppen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Gerade in Staaten, die der Aufgabe, die Sicherheit des menschlichen Lebens zu garantieren, nicht mehr nachkommen, wird dies häufig von kleineren Organisationsebenen übernommen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Gemeinschaften füllen die entstandene Lücke, sie schaffen eine Sicherheit, die soziale Dimensionen einschließt. Die Situierung in stabilen Beziehungsgefügen ermöglicht Resilienz und liefert so einen Baustein menschlicher Sicherheit. Die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehung für die Garantie menschlicher Sicherheit ist demnach groß; doch sie entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung.

Aus Kolumbien erläutert Pilar Mendoza, wie Gewalt und die damit verbundene Vertreibung für viele Menschen den Verlust jeder Sicherheit darstellt Durch den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt mussten viele ihr Heim verlassen und landeten mittel- und schutzlos zumeist in den Städten des Landes. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten kam der Staat seiner Schutzpflicht ihnen gegenüber teilweise nach. Mendoza erläutert, wie die Vertriebenen im veränderten Lebensumfeld der Städte trotz ihres Verlusts nicht in einer Opferrolle verharren, sondern zu Akteuren ihres Schicksals werden. Durch die Vernetzung mit anderen in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen, vor Ort und auf anderen Ebenen, entsteht auf diese Weise eine soziale Integration, die der Erneuerung des Landes dient und auf der Grundlage von Gemeinschaft zu mehr Sicherheit beiträgt.

Für Kenia und andere afrikanische Länder konstatiert Elias Opongo, dass ein Mangel an Sicherheit zwar allgemein (an-)erkannt ist, der Zusammenhang von bewaffneter Gewalt, Instabilität und Armut aber zu wenig berücksichtigt wird. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang vom Begriff der menschlichen Sicherheit der Vereinten Nationen in seinen sieben Dimensionen als notwendiges Komplement menschlicher Entwicklung. Waffengewalt durch Terrorgruppen und andere haben direkte Auswirkungen auf menschliche Sicherheit und Entwicklung und gefährden sie nochmals durch sich potenzierende Folgen wie Vertreibung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. Um menschliche Sicherheit tatsächlich zu realisieren, muss, so führt Opongo aus, an all diesen Punkten angesetzt werden – v.a. aber bei der Gewalt, weil sie die Ursache vieler Folgeprobleme ist.

Exemplarisch für Asien beleuchtet Jojo Fung die Situation auf den Philippinen. Der größte Unsicherheitsfaktor sind hier die immer häufigeren sog. außergerichtlichen Tötungen als Maßnahmen der Drogenbekämpfung. Betroffen sind davon v.a. die armen Bevölkerungsgruppen. Die philippinischen Kirchen kritisieren diese Praktiken scharf. In der Argumentation der Regierung hingegen dienen die Maßnahmen dem Schutz der Bevölkerung. Die Rhetorik verharmlost jedoch die extreme Gewalt und ignoriert die Ursachen des Drogenproblems, die in starker sozialer Ungleichheit liegen. Fung kritisiert diese Vorstellung von Sicherheit im Rekurs auf biblische Texte und veranschaulicht, dass dort stets Friede die Grundbedingung von Sicherheit ist. Er parallelisiert die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit der biblischen Akteure mit den Menschen auf den Philippinen und begründet ihre Hoffnung in existenzieller Unsicherheit im Kreuz. Dabei drückt er zugleich die Erwartung aus, dass die gewaltlose Macht des Kreuzes ein Modell für Kirche und Staat sein kann. Der Begriff der menschlichen Entwicklung wird letztlich erweitert, da jede Sicherheit als in Gott gründend angenommen wird.

Für Europa reflektiert Michal Kaplánek die Frage nach Sicherheit im Kontext von Tschechien. Angesichts des derzeit vielfach diagnostizierten Verlusts von Sicherheiten geht er der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Kommunismus hier Ansätze zu Antworten liefern kann. Kaplánek stellt in Teilen von Kirche und Gesellschaft ein Sehnen nach verlorenen Traditionen und Sicherheiten fest. Tatsächlich gab es im Kommunismus die Erfahrung von Sicherheit, v.a. sozialer Sicherheit, da die Menschen zwar keinen großen Reichtum, aber doch ein sicheres Auskommen, Gesundheitsversorgung u.ä. hatten. Dies anerkennend erinnert er doch daran, dass es sich um eine Sicherheit auf Kosten der Freiheit handelte und er bezeichnet diese Art der Sicherheit als Totenruhe. Die Kirche tue nicht gut daran, wenn sie nach einer solchen Form der Sicherheit suche. Eine theologische Antwort auf die Sehnsucht nach Sicherheit muss vielmehr in der befreienden Erfahrung der Liebe Gottes ihren Ausgang nehmen und eine Sicherheit verkünden, die nicht in der umfassenden Absicherung, sondern im Vertrauen auf Verheißung Gottes gründet und dabei auch Ungewissheiten ertragen kann.

Abschließend nimmt Jude Lal Fernando mit einer koreanischen eine sehr spezifisch geprägte Perspektive ein. Er kritisiert ein reduziertes Konzept menschlicher Sicherheit, das dem Interesse neoliberaler Gouvernementalität entspringt und der Rechtfertigung militärischer Intervention dient, sowie eine Sicherheitspraxis, die, forciert von verschiedenen Ländern und einigen fundamentalistischen Kirchen, auf Trennung und Dämonisierung Nordkoreas aufbaut. Demgegenüber hebt er die versöhnende Praxis anderer Kirchen hervor, in denen die Idee des gerechten Friedens zum Ausdruck kommt. Darin werden trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten des Norden und des Südens hervorgehoben, und der Konflikt wird interpretiert im Gesamt weltweiter Interessen. Auf dieser Grundlage kann „menschliche Sicherheit“ in enger Beziehung zu Frieden und Gerechtigkeit redefiniert werden.

Das Theologische Forum vereint abschließend Beiträge zu drei Persönlichkeiten. Der erste erinnert an eine deutsche Ordensschwester und Ärztin, die sechzig Jahre lang in Pakistan gelebt und ihr Leben auf einzigartige Weise an Lepra erkrankten Menschen gewidmet hat – Ruth Pfau, auch bekannt als „Mutter Theresa“ von Pakistan. Ihre Liebe und Hingabe für die Ärmsten kannte keine Grenzen und überwand viele Arten von Barrieren. In Bezug auf das Thema unseres Heftes könnte man sagen, sie verkörperte eine von Gott gesandte menschliche Sicherheit für die, die ohne jede Sicherheit leben: die Leprakranken. Dass eine Katholikin in einem muslimischen Land – Pakistan – mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, spricht für sich und zeugt von ihrem universalen Geist und ihrer Con-Passion.

Die beiden anderen Personen waren anerkannte Mitglieder des Herausgeberkreises von Concilium – Claude Geffré und Gregory Baum. Sie waren getreue Anhänger unserer Zeitschrift in den frühen Jahren, und gestalteten bis zum Schluss die Zukunft der Zeitschrift mit Beiträgen, sowie mit Weisheit und Rat mit. Mit zwei etwas längeren Nachrufen möchten wie sie einerseits würdigen, andererseits aber auch von ihren Leben lernen, das selbst eine theologische Botschaft darstellt.

Zu guter Letzt danken wir allen, die zu diesem Heft beigetragen haben – den Autorinnen und Autoren; sowie jenen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern des Herausgeberkreises, die in Diskussionen und mit hilfreichen Anregungen die Ausrichtung und Ausführung dieses Heftes mitgestaltet haben.


目錄

Editorial

1. 基礎

Erny Gillen – Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen

Regina Ammicht-Quinn – „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit

2. 神學觀點

Knut Wenzel – Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit

Rainer Kessler – „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel

Matías Omar Ruz – Iglesia y Seguridad en Argentina. Vaivenes de un vínculo controvertido

3. 不安全、權力和暴力

Jojo Fung – An emerging Theology of Human Security: the Philippine Context

Pilar Mendoza – El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades

Elias Omondi Opongo – Insecurity & Violence and Impact on Human Security

Michal Kaplánek – Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit

Jude Lal Fernando – Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace

4. 神學論壇

Harald Meyer-Porzky – In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017)

Bruno Demers – Claude Geffré o.p.

Solange Lefebvre // David Seljak – Gregory Baum, Pioneer of ecumenism and dialogue (1923-2017)


摘要

Erny Gillen – « Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen ». Der menschliche Sicherheitskomplex (MSK) muss in ein größeres Ganzes eingebunden sein, damit er seine Kraft für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Institutionen entfalten kann. Die innere Spannung zwischen menschlicher Sicherheit und Freiheit wird dann nutzbringend erhalten bleiben, wenn es gelingt, ihn ethisch aufzuladen und praktisch mit Leben zu füllen. Nur so wird er Eingang in den politischen Diskurs und das politische Handeln erhalten.

Regina Ammicht-Quinn – « „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit ». Sicherheit ist ambivalent. Sie ist nach wie vor von höchster Bedeutung: Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich. Bei der Sicherheitsplanung werden jedoch in anderen Bereichen Einschränkungen vorgenommen. Die heutigen Sicherheitswünsche, -strategien und -aktionen auf säkularer Ebene haben ihren eigenen religiösen Hintergrund. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir Religion auch als Leitfaden für ein besseres Sicherheitsmanagement verstehen.

Knut Wenzel – « Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundlegende Ambivalenz des Wunsches nach oder der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Neuinterpretation ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Rainer Kessler – « „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundsätzliche Ambivalenz des Wunsches nach bzw. der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Umdeutung ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Jojo N. Fung – « An Emerging Theology of Human Security: the Philippine context » : Human security is a concept that involves the systematic protection and promotion of fundamental freedoms and community processes in favor of the survival of vulnerable people. An emerging theological idea emphasizes God as the source of human security. Any violation of personal dignity demands political action to counter it.

Pilar Mendoza – « El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades » : El fenómeno del desplazamiento forzado de grupos enteros en Colombia sigue creciendo a pesar de la firma del acuerdo de paz entre el gobierno y la guerrilla de las FAAC. El desplazamiento conlleva la pérdida de los hogares y también de la seguridad existencial: los vínculos emocionales, sociales y culturales. Sin embargo, esto ha generado una reorganización de la sociedad en forma de resistencia y supervivencia al riesgo, transformando a las víctimas de este flagelo en actores del cambio.

Elias Omondi Opongo – « Insecurity & Violence and Impact on Human Security » : poverty and armed violence, among other factors, are causing dire human and national security challenges for Africa. There exist many opportunities for countries in Sub-Saharan Africa to strengthen economic well-being and address armed violence, thereby redressing the challenge of human insecurity. Of particular concern are the unemployed youth who are mostly vulnerable to recruitment to militia and terrorist groups. In this regard, governments should significantly expand the formal private sector, which remains underdeveloped in most African countries as this will facilitate much higher levels of investment in the economies and so generate employment and economic growth. Equally, governments need to strengthen and expand service delivery in education and health sectors, particularly in most marginalized regions.

Michal Kaplánek – « Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit » : Die europäische Gesellschaft ist in den letzten Jahren gespalten, im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Zum besseren Verstehen dieses Phänomens bietet der Autor eine Reflexion über den schwierigen Weg der postkommunistischen Gesellschaften von einer „bescheidenen Sicherheit“ des sog. realen Sozialismus zu einem demokratischen politischen System, das aber voll von Unsicherheiten ist. Heutzutage schaut es so aus, als ob manche Christen lieber auf Freiheit und Barmherzigkeit innerhalb der Kirche verzichten würden als eine Verunsicherung zuzulassen. Die gegenwärtige Polarisierung wird interpretiert als ein Konflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus im Sinne Ingleharts. Während sich die Materialisten im Staat und in der Kirche nach den herkömmlichen Sicherheiten sehnen, glauben die Postmaterialisten viel mehr an die positive Wirkung und an die Zukunft der Demokratie. Es gibt auch Katholiken, die Ihre Sicherheit in der Fixierung auf die Beibehaltung der vergangenen Formen der Liturgie und der binnenkirchlichen Umgangskultur sehen. In diesem Kontext stellt die Evangelisierung für den Autor keinen Weg zurück zu den Sicherheiten von gestern dar, sondern umfasst die Öffnung neuer Horizonte.

Jude Lal Fernando – « Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace » : In the inter-Korean conflict, stability and security in the region are the ultimate goal of competitive national security paradigms. The growing militarization of the region, however, may trigger a catastrophe without precedent. The article emphasizes joint efforts to build peace.

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Concilium 2018-2. Seguridad humana

Editado por: Michelle Becka, Felix Wilfred e Mile Babić


Las traducciones completas de esta edición están disponibles en los siguientes idiomas:
English: Human security
Español: Seguridad humana y orden internacional
Deutsch: Menschliche Sicherheit
Italiano: Sicurezza umana. Contributi dalla teologia
Português: Segurança humana


Editorial

“Menschliche Sicherheit” geht als Begriff und Konzept zurück auf den Bericht zur Menschlichen Entwicklung von 1994, der den Titel trägt „New Dimensions of Human Security“. Ziel dieses Berichts ist es, Sicherheit als Sicherheit von Menschen zu verstehen und nicht von Staaten und Hoheitsgebieten: 

“For too long, the concept of security has been shaped by the potential for conflict between states. For too long, security has been equated with the threats to a country’s borders. For too long, nations have sought arms to protect their security. For most people today, a feeling of insecurity arises more from worries about daily life than from the dread of a cataclysmic world event. Job security, income security, health security, environmental security, security from crime – these are the emerging concerns of human security all over the world.“ (UNDP, Human Development Report 1994, 3)

 „Menschliche Sicherheit“ stellt nicht Staaten, sondern Personen ins Zentrum und zielt auf deren persönliche Sicherheit und individuelle Freiheit: Sie erfordert Freiheit von Furcht („fear“) und Freiheit von Mangel („want“). Darin steckt die wichtige Erkenntnis, dass sowohl die Furcht vor Bedrohungen, Verlust oder einer ungewissen Zukunft das Sicherheitsempfinden von Menschen beeinflusst, als auch materielle Not – mit all ihren Begleiterscheinungen. Menschliche Sicherheit im Sinne des Berichts zur menschlichen Entwicklung umfasst sieben Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, Ernährungssicherheit, Gesundheit, persönliche Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Gewalt und anderen Bedrohungen), Umwelt (als Schutz vor Umweltkatastrophen und -bedrohungen, wie Mangel an Trinkwasser, Desertation etc.), Gemeinschaft (den Schutz in Gemeinschaften und von Gemeinschaften umfassend) und politische Sicherheit (vgl. UNDP, 1994, 24-33). Sie erfordert Schutz und die Schaffung von Bedingungen, welche die Gestaltung von Freiheitsräumen und die Entfaltung von Fähigkeiten in diesen Bereichen ermöglichen. Sie kann zudem aufgrund von Interdependenzen und globalen Auswirkungen lokaler Praktiken nur global verstanden werden und bedarf entsprechender internationaler politischer Anstrengungen. 

Innerhalb der Vereinten Nationen spielt das Konzept der Menschlichen Sicherheit seit 1994 eine wichtige Rolle. 2001 wird eine Kommission für die menschliche Sicherheit gegründet. Empfehlungen zum Schutz vor den Bedrohungen menschlicher Sicherheit werden formuliert, die in weiteren Gremien und Arbeitsgruppen konkretisiert und fortentwickelt werden. Im Jahr 2004 erlässt die Generalversammlung eine Resolution (64/291) zur Menschlichen Sicherheit: 

“a) The right of people to live in freedom and dignity, free from poverty and despair. All individuals, in particular vulnerable people, are entitled to freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to enjoy all their rights and fully develop their human potential.”

Auf dieser Grundlage wird menschliche Sicherheit bestimmt als personzentrierter, umfassender, kontextspezifischer und präventionsorientierter Schutz und als Empowerment von Einzelnen und Gemeinschaften. Dabei erscheint menschliche Sicherheit unlösbar verknüpft mit Frieden, Entwicklung und Menschenrechten. Die Resolution unterstreicht die primäre Verantwortung der Staaten, die aber in eine Partnerschaft und Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft eingebettet sein soll.

Eine Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs, wie ihn die Vereinten Nationen vorgenommen haben, war sinnvoll und notwendig, weil sie der Vielfalt und Komplexität von Sicherheitsbedürfnissen und -bedrohungen Rechnung trägt und die Person ins Zentrum stellt. Und doch scheint der sinnvolle und innerhalb der UN prominente Begriff in der Realität wenig wirksam geworden zu sein. 

Beinahe 25 Jahre nach Erscheinen des Berichts möchte dieses Heft das Thema wieder aufgreifen und im Kontext der Theologie neu akzentuieren und diskutieren. Ein erneutes Nachdenken über Sicherheit erscheint erforderlich, da sich die Welt und die Beurteilung von Sicherheit – nicht nur, aber auch in Folge des 11. Septembers 2001 – in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert hat. Dazu gehört auch, dass eine Unsicherheit aus den Sorgen des täglichen Lebens und eine Unsicherheit aufgrund einer durch Katastrophen bestimmten Weltlage, wie sie im oben genannten Zitat aus dem UNDP-Bericht – begründet oder nicht – unterschieden wird, kaum mehr zu trennen sind. Das wiederum scheint heute vermehrt Staaten als Legitimation zu dienen, in Kategorien der nationalen Sicherheit zu denken. Angesichts echter und vermeintlicher Bedrohungen ist die Rede von Sicherheit omnipräsent, dient der vordergründigen Rechtfertigung der Beschränkung von Freiheitsrechten oder der Anwendung von Gewalt. Das allerdings kann nicht der richtige Weg sein. Dass es dennoch ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, ist kaum zu leugnen. 

Sicherheit bleibt ein ambivalenter und weit interpretierbarer Begriff. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem, was menschliche Sicherheit ist oder sein sollte, ist daher notwendig. 

Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, und sie verstehen „menschliche Sicherheit“ auf verschiedene Weisen. Einige Beiträge setzen sich explizit mit dem Begriffskonzept der Vereinten Nationen auseinander – in befürwortender Weiterentwicklung oder kritischer Auseinandersetzung; andere reflektieren Sicherheit eher losgelöst davon. Bei aller fruchtbaren Differenz der Beiträge zeigt sich, dass gerade nicht eine Rückkehr zu einem Konzept nationaler oder militärischer Sicherheit notwendig ist, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung, inhaltliche Füllung und Profilierung des Konzepts der menschlichen Sicherheit. Die Theologie trägt dazu maßgeblich bei, weil sie das UN-Konzept um wesentliche Perspektiven erweitert und inhaltlich fundiert. Die theologische Fundierung kann dabei, wie die Beiträge dieses Heftes zeigen, sehr unterschiedliche Aspekte hervorheben, die einander aber nicht widersprechen, sondern ein komplexes und damit angemesseneres Bild von Sicherheit zeichnen – und gleichzeitig das Versprechen absoluter Sicherheit als unhaltbar entlarven. 

Regina Ammicht-Quinn entfaltet die Komplexität des Begriffs der Sicherheit und hebt seine Ambivalenz hervor. Sie stellt eine Dominanz der Sicherheit in den Ländern des Nordens fest und kontrastiert sie mit dem Befund gleichzeitiger Entsicherung – als Verlust von Vertrauen einerseits und äußerst unsicheren Lebensbedingungen für einige andererseits. In dieser Situation wird oft eine absolute Sicherheit versprochen, und in dem Versprechen übersteigt der Wert der Sicherheit alles andere. Eine solche absolute Sicherheit ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch; sie tendiert zudem zu einer ungerechten Sicherheit.  Gegenüber der Verabsolutierung fordert Ammicht-Quinn eine kluge Begrenzung von Sicherheit und führt einen Begriff von Sicherheit ein, der nicht Securitas ist, sondern Certitudo, „die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.“ Der Religion kommt darin eine besondere Kompetenz zu, da sie durch die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins helfen kann, mit Verunsicherung umzugehen.

Erny Gillen erläutert den Begriff der menschlichen Entwicklung im Anschluss an die UN und würdigt ihn; er kritisiert das Konzept anschließend, weil es seines Erachtens die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit auf Kosten der Freiheit auflöst und zudem einen irreführenden und zugleich leeren Begriff der Sicherheit zum Ideal erhebt, der für die Praxis irrelevant bleiben muss. Um „menschliche Sicherheit“ inhaltlich zu schärfen und ihn praxisrelevant zu machen, skizziert er im Anschluss an Papst Franziskus vier Spannungsfelder, in denen sich menschliches Leben vollzieht: Zeitund Raum, Einheit und Konflikt, Idee und Wirklichkeit, Ganzes und Teil. Gillen würdigt jeweils beide Pole der Felder und trägt die Dynamik der jeweiligen Spannungen in den Begriff der menschlichen Sicherheit ein, der dadurch inhaltlich und ethisch aufgeladen wird, und dem auf diese Weise mehr Praxisrelevanz zukommt.

Die nächste Gruppe von Beiträgen versammelt genuin theologische Perspektiven auf „Sicherheit“. Rainer Kessler zeigt auf, welche Verständnisweisen von Sicherheit im Alten Testament vorliegen. Einerseits ist die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Erfahrungen großer Unsicherheit geprägt – seien es individuelle Bedrohungserfahrung durch Kriminalität o.ä. oder aber kollektive wie beispielsweise durch Umweltkatastrophen. Gefühle der Unsicherheit führen in den alttestamentlichen Texten, insbesondere den Psalmen, teilweise zu Klagen, vor allem aber zum Ausdruck des Sehnens nach einem sicheren Ort. Die alttestamtliche Sicherheit ist mehr als eine Gemütsverfassung, die trügen kann, aber auch mehr als ein Waffenstillstand. Wirkliche Sicherheit wird häufig mit dem Bild vom „sicheren Wohnen“ in Verbindung gebracht; sie ist nicht denkbar, so unterstreicht Kessler, ohne Frieden und Gerechtigkeit, wodurch der Begriff der Sicherheit entscheidend erweitert wird.

Knut Wenzel führt die Unterscheidung zwischen dem Bedürfnis nach und dem Diskurs über Sicherheit ein, um so den Sicherheitsdiskurs kritisieren zu können, ohne das Bedürfnis in Abrede zu stellen. Er zeigt, wie in Diskursen Sicherheit imaginiert wird – etwa in der Bedeutung der Astronomie in Hochkulturen, die darin angesichts von Bedrohung und Chaos Ordnung erfahrbar und berechenbar macht. Gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Astronomie sieht er in der Schöpfungstheologie die Sicherheit durch die Rückführung aller Wirklichkeit auf ein einziges Verursachungsprinzip garantiert, ohne aber dadurch Schöpfung als Kausalzusammenhang zu missverstehen und so die Freiheit aufzugeben. Vielmehr sei Schöpfung als ein von Gott initiiertes Subjektgeschehen aus Liebe zu verstehen und der Mensch darin als Geschöpf zugleich unverfügbar, so dass seine Antwort frei – und damit ungewiss ist. Jene „Dekonstruktion der Sicherheit durch den Absolutismus der Liebe“ in der Schöpfung lässt Wenzel schließlich mit Psalm 121 in eine Perspektive münden, in der Sicherheit verstanden wird als abundantia: Überfluss – theologisch: Gnade.

Matías Omar Ruz nimmt die ambivalente Rolle der Kirche in Sicherheitsdiskursen in den Blick – im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur und heute. Auf dem Hintergrund des Kalten Krieges betrachteten in den 1960er bis 1980er Jahren viele, auch die Kirche Argentinien, den Kommunismus als große Bedrohung. Dagegen entstand die Doktrin der nationalen Sicherheit, die sich zu einem „Kreuzzug gegen Terrorismus“ entwickelte und mit der Kriminalisierung politisch Oppositioneller einherging. Dies geschah in enger Verbindung mit Teilen der kirchlichen Hierarchie; gemeinsam wurde die Identität als katholische Nation vorangetrieben, und die Verteidigung christlicher Werte konnte zum Leitmotiv der Diktatur werden. Auf dem Hintergrund dieses Sicherheitsdiskurses sind aktuelle, mit Gewalt verbundene, Ereignisse zu situieren, die erneut Sicherheitsfragen stellen, wie Ruz am Beispiel der Mapuche und der Rentenreform deutlich macht. In der aktuellen Situation zeigt sich ein weitgehend gewandelter Sicherheitsbegriff in der Kirche, gemäß dem Sicherheit nicht durch Gewalt herzustellen ist, sondern den Schutz des Menschseins in all seinen Dimensionen erfordert.

Angesichts der Erfahrung von extremer Armut und Gewalt stellt sich die Frage nach sozialer Sicherheit besonders drängend. Unter dem Titel „Unsicherheit, Armut und Gewalt“ sind im nächsten Teil Reflexionen zusammengeführt, die in sehr konkreten Situationen der Unsicherheit auf verschiedenen Kontinenten ihren Ausgang nehmen. Auf je unterschiedliche Weisen spielt das Verhältnis von Staat und kleineren Gruppen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Gerade in Staaten, die der Aufgabe, die Sicherheit des menschlichen Lebens zu garantieren, nicht mehr nachkommen, wird dies häufig von kleineren Organisationsebenen übernommen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Gemeinschaften füllen die entstandene Lücke, sie schaffen eine Sicherheit, die soziale Dimensionen einschließt. Die Situierung in stabilen Beziehungsgefügen ermöglicht Resilienz und liefert so einen Baustein menschlicher Sicherheit. Die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehung für die Garantie menschlicher Sicherheit ist demnach groß; doch sie entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung.

Aus Kolumbien erläutert Pilar Mendoza, wie Gewalt und die damit verbundene Vertreibung für viele Menschen den Verlust jeder Sicherheit darstellt Durch den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt mussten viele ihr Heim verlassen und landeten mittel- und schutzlos zumeist in den Städten des Landes. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten kam der Staat seiner Schutzpflicht ihnen gegenüber teilweise nach. Mendoza erläutert, wie die Vertriebenen im veränderten Lebensumfeld der Städte trotz ihres Verlusts nicht in einer Opferrolle verharren, sondern zu Akteuren ihres Schicksals werden. Durch die Vernetzung mit anderen in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen, vor Ort und auf anderen Ebenen, entsteht auf diese Weise eine soziale Integration, die der Erneuerung des Landes dient und auf der Grundlage von Gemeinschaft zu mehr Sicherheit beiträgt.

Für Kenia und andere afrikanische Länder konstatiert Elias Opongo, dass ein Mangel an Sicherheit zwar allgemein (an-)erkannt ist, der Zusammenhang von bewaffneter Gewalt, Instabilität und Armut aber zu wenig berücksichtigt wird. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang vom Begriff der menschlichen Sicherheit der Vereinten Nationen in seinen sieben Dimensionen als notwendiges Komplement menschlicher Entwicklung. Waffengewalt durch Terrorgruppen und andere haben direkte Auswirkungen auf menschliche Sicherheit und Entwicklung und gefährden sie nochmals durch sich potenzierende Folgen wie Vertreibung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. Um menschliche Sicherheit tatsächlich zu realisieren, muss, so führt Opongo aus, an all diesen Punkten angesetzt werden – v.a. aber bei der Gewalt, weil sie die Ursache vieler Folgeprobleme ist.

Exemplarisch für Asien beleuchtet Jojo Fung die Situation auf den Philippinen. Der größte Unsicherheitsfaktor sind hier die immer häufigeren sog. außergerichtlichen Tötungen als Maßnahmen der Drogenbekämpfung. Betroffen sind davon v.a. die armen Bevölkerungsgruppen. Die philippinischen Kirchen kritisieren diese Praktiken scharf. In der Argumentation der Regierung hingegen dienen die Maßnahmen dem Schutz der Bevölkerung. Die Rhetorik verharmlost jedoch die extreme Gewalt und ignoriert die Ursachen des Drogenproblems, die in starker sozialer Ungleichheit liegen. Fung kritisiert diese Vorstellung von Sicherheit im Rekurs auf biblische Texte und veranschaulicht, dass dort stets Friede die Grundbedingung von Sicherheit ist. Er parallelisiert die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit der biblischen Akteure mit den Menschen auf den Philippinen und begründet ihre Hoffnung in existenzieller Unsicherheit im Kreuz. Dabei drückt er zugleich die Erwartung aus, dass die gewaltlose Macht des Kreuzes ein Modell für Kirche und Staat sein kann. Der Begriff der menschlichen Entwicklung wird letztlich erweitert, da jede Sicherheit als in Gott gründend angenommen wird.

Für Europa reflektiert Michal Kaplánek die Frage nach Sicherheit im Kontext von Tschechien. Angesichts des derzeit vielfach diagnostizierten Verlusts von Sicherheiten geht er der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Kommunismus hier Ansätze zu Antworten liefern kann. Kaplánek stellt in Teilen von Kirche und Gesellschaft ein Sehnen nach verlorenen Traditionen und Sicherheiten fest. Tatsächlich gab es im Kommunismus die Erfahrung von Sicherheit, v.a. sozialer Sicherheit, da die Menschen zwar keinen großen Reichtum, aber doch ein sicheres Auskommen, Gesundheitsversorgung u.ä. hatten. Dies anerkennend erinnert er doch daran, dass es sich um eine Sicherheit auf Kosten der Freiheit handelte und er bezeichnet diese Art der Sicherheit als Totenruhe. Die Kirche tue nicht gut daran, wenn sie nach einer solchen Form der Sicherheit suche. Eine theologische Antwort auf die Sehnsucht nach Sicherheit muss vielmehr in der befreienden Erfahrung der Liebe Gottes ihren Ausgang nehmen und eine Sicherheit verkünden, die nicht in der umfassenden Absicherung, sondern im Vertrauen auf Verheißung Gottes gründet und dabei auch Ungewissheiten ertragen kann.

Abschließend nimmt Jude Lal Fernando mit einer koreanischen eine sehr spezifisch geprägte Perspektive ein. Er kritisiert ein reduziertes Konzept menschlicher Sicherheit, das dem Interesse neoliberaler Gouvernementalität entspringt und der Rechtfertigung militärischer Intervention dient, sowie eine Sicherheitspraxis, die, forciert von verschiedenen Ländern und einigen fundamentalistischen Kirchen, auf Trennung und Dämonisierung Nordkoreas aufbaut. Demgegenüber hebt er die versöhnende Praxis anderer Kirchen hervor, in denen die Idee des gerechten Friedens zum Ausdruck kommt. Darin werden trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten des Norden und des Südens hervorgehoben, und der Konflikt wird interpretiert im Gesamt weltweiter Interessen. Auf dieser Grundlage kann „menschliche Sicherheit“ in enger Beziehung zu Frieden und Gerechtigkeit redefiniert werden.

Das Theologische Forum vereint abschließend Beiträge zu drei Persönlichkeiten. Der erste erinnert an eine deutsche Ordensschwester und Ärztin, die sechzig Jahre lang in Pakistan gelebt und ihr Leben auf einzigartige Weise an Lepra erkrankten Menschen gewidmet hat – Ruth Pfau, auch bekannt als „Mutter Theresa“ von Pakistan. Ihre Liebe und Hingabe für die Ärmsten kannte keine Grenzen und überwand viele Arten von Barrieren. In Bezug auf das Thema unseres Heftes könnte man sagen, sie verkörperte eine von Gott gesandte menschliche Sicherheit für die, die ohne jede Sicherheit leben: die Leprakranken. Dass eine Katholikin in einem muslimischen Land – Pakistan – mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, spricht für sich und zeugt von ihrem universalen Geist und ihrer Con-Passion.

Die beiden anderen Personen waren anerkannte Mitglieder des Herausgeberkreises von Concilium – Claude Geffré und Gregory Baum. Sie waren getreue Anhänger unserer Zeitschrift in den frühen Jahren, und gestalteten bis zum Schluss die Zukunft der Zeitschrift mit Beiträgen, sowie mit Weisheit und Rat mit. Mit zwei etwas längeren Nachrufen möchten wie sie einerseits würdigen, andererseits aber auch von ihren Leben lernen, das selbst eine theologische Botschaft darstellt.

Zu guter Letzt danken wir allen, die zu diesem Heft beigetragen haben – den Autorinnen und Autoren; sowie jenen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern des Herausgeberkreises, die in Diskussionen und mit hilfreichen Anregungen die Ausrichtung und Ausführung dieses Heftes mitgestaltet haben.


Índice de contenidos

Editorial

1. Fundamentos

Erny Gillen – Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen

Regina Ammicht-Quinn – „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit

2. Perspectivas teológicas

Knut Wenzel – Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit

Rainer Kessler – „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel

Matías Omar Ruz – Iglesia y Seguridad en Argentina. Vaivenes de un vínculo controvertido

3. Inseguridad, poder y violencia

Jojo Fung – An emerging Theology of Human Security: the Philippine Context

Pilar Mendoza – El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades

Elias Omondi Opongo – Insecurity & Violence and Impact on Human Security

Michal Kaplánek – Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit

Jude Lal Fernando – Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace

4. Foro teológico

Harald Meyer-Porzky – In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017)

Bruno Demers – Claude Geffré o.p.

Solange Lefebvre // David Seljak – Gregory Baum, Pioneer of ecumenism and dialogue (1923-2017)


Resúmenes

Erny Gillen – « Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen ». Der menschliche Sicherheitskomplex (MSK) muss in ein größeres Ganzes eingebunden sein, damit er seine Kraft für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Institutionen entfalten kann. Die innere Spannung zwischen menschlicher Sicherheit und Freiheit wird dann nutzbringend erhalten bleiben, wenn es gelingt, ihn ethisch aufzuladen und praktisch mit Leben zu füllen. Nur so wird er Eingang in den politischen Diskurs und das politische Handeln erhalten.

Regina Ammicht-Quinn – « „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit ». Sicherheit ist ambivalent. Sie ist nach wie vor von höchster Bedeutung: Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich. Bei der Sicherheitsplanung werden jedoch in anderen Bereichen Einschränkungen vorgenommen. Die heutigen Sicherheitswünsche, -strategien und -aktionen auf säkularer Ebene haben ihren eigenen religiösen Hintergrund. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir Religion auch als Leitfaden für ein besseres Sicherheitsmanagement verstehen.

Knut Wenzel – « Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundlegende Ambivalenz des Wunsches nach oder der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Neuinterpretation ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Rainer Kessler – « „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundsätzliche Ambivalenz des Wunsches nach bzw. der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Umdeutung ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Jojo N. Fung – « An Emerging Theology of Human Security: the Philippine context » : Human security is a concept that involves the systematic protection and promotion of fundamental freedoms and community processes in favor of the survival of vulnerable people. An emerging theological idea emphasizes God as the source of human security. Any violation of personal dignity demands political action to counter it.

Pilar Mendoza – « El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades » : El fenómeno del desplazamiento forzado de grupos enteros en Colombia sigue creciendo a pesar de la firma del acuerdo de paz entre el gobierno y la guerrilla de las FAAC. El desplazamiento conlleva la pérdida de los hogares y también de la seguridad existencial: los vínculos emocionales, sociales y culturales. Sin embargo, esto ha generado una reorganización de la sociedad en forma de resistencia y supervivencia al riesgo, transformando a las víctimas de este flagelo en actores del cambio.

Elias Omondi Opongo – « Insecurity & Violence and Impact on Human Security » : poverty and armed violence, among other factors, are causing dire human and national security challenges for Africa. There exist many opportunities for countries in Sub-Saharan Africa to strengthen economic well-being and address armed violence, thereby redressing the challenge of human insecurity. Of particular concern are the unemployed youth who are mostly vulnerable to recruitment to militia and terrorist groups. In this regard, governments should significantly expand the formal private sector, which remains underdeveloped in most African countries as this will facilitate much higher levels of investment in the economies and so generate employment and economic growth. Equally, governments need to strengthen and expand service delivery in education and health sectors, particularly in most marginalized regions.

Michal Kaplánek – « Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit » : Die europäische Gesellschaft ist in den letzten Jahren gespalten, im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Zum besseren Verstehen dieses Phänomens bietet der Autor eine Reflexion über den schwierigen Weg der postkommunistischen Gesellschaften von einer „bescheidenen Sicherheit“ des sog. realen Sozialismus zu einem demokratischen politischen System, das aber voll von Unsicherheiten ist. Heutzutage schaut es so aus, als ob manche Christen lieber auf Freiheit und Barmherzigkeit innerhalb der Kirche verzichten würden als eine Verunsicherung zuzulassen. Die gegenwärtige Polarisierung wird interpretiert als ein Konflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus im Sinne Ingleharts. Während sich die Materialisten im Staat und in der Kirche nach den herkömmlichen Sicherheiten sehnen, glauben die Postmaterialisten viel mehr an die positive Wirkung und an die Zukunft der Demokratie. Es gibt auch Katholiken, die Ihre Sicherheit in der Fixierung auf die Beibehaltung der vergangenen Formen der Liturgie und der binnenkirchlichen Umgangskultur sehen. In diesem Kontext stellt die Evangelisierung für den Autor keinen Weg zurück zu den Sicherheiten von gestern dar, sondern umfasst die Öffnung neuer Horizonte.

Jude Lal Fernando – « Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace » : In the inter-Korean conflict, stability and security in the region are the ultimate goal of competitive national security paradigms. The growing militarization of the region, however, may trigger a catastrophe without precedent. The article emphasizes joint efforts to build peace.

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Concilium 2018-2. La sécurité humaine

Édité par: Michelle Becka, Felix Wilfred e Mile Babić


Des traductions complètes de cette édition sont disponibles dans les langues suivantes :
English: Human security
Español: Seguridad humana y orden internacional
Deutsch: Menschliche Sicherheit
Italiano: Sicurezza umana. Contributi dalla teologia
Português: Segurança humana


Editorial

“Menschliche Sicherheit” geht als Begriff und Konzept zurück auf den Bericht zur Menschlichen Entwicklung von 1994, der den Titel trägt „New Dimensions of Human Security“. Ziel dieses Berichts ist es, Sicherheit als Sicherheit von Menschen zu verstehen und nicht von Staaten und Hoheitsgebieten: 

“For too long, the concept of security has been shaped by the potential for conflict between states. For too long, security has been equated with the threats to a country’s borders. For too long, nations have sought arms to protect their security. For most people today, a feeling of insecurity arises more from worries about daily life than from the dread of a cataclysmic world event. Job security, income security, health security, environmental security, security from crime – these are the emerging concerns of human security all over the world.“ (UNDP, Human Development Report 1994, 3)

 „Menschliche Sicherheit“ stellt nicht Staaten, sondern Personen ins Zentrum und zielt auf deren persönliche Sicherheit und individuelle Freiheit: Sie erfordert Freiheit von Furcht („fear“) und Freiheit von Mangel („want“). Darin steckt die wichtige Erkenntnis, dass sowohl die Furcht vor Bedrohungen, Verlust oder einer ungewissen Zukunft das Sicherheitsempfinden von Menschen beeinflusst, als auch materielle Not – mit all ihren Begleiterscheinungen. Menschliche Sicherheit im Sinne des Berichts zur menschlichen Entwicklung umfasst sieben Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, Ernährungssicherheit, Gesundheit, persönliche Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Gewalt und anderen Bedrohungen), Umwelt (als Schutz vor Umweltkatastrophen und -bedrohungen, wie Mangel an Trinkwasser, Desertation etc.), Gemeinschaft (den Schutz in Gemeinschaften und von Gemeinschaften umfassend) und politische Sicherheit (vgl. UNDP, 1994, 24-33). Sie erfordert Schutz und die Schaffung von Bedingungen, welche die Gestaltung von Freiheitsräumen und die Entfaltung von Fähigkeiten in diesen Bereichen ermöglichen. Sie kann zudem aufgrund von Interdependenzen und globalen Auswirkungen lokaler Praktiken nur global verstanden werden und bedarf entsprechender internationaler politischer Anstrengungen. 

Innerhalb der Vereinten Nationen spielt das Konzept der Menschlichen Sicherheit seit 1994 eine wichtige Rolle. 2001 wird eine Kommission für die menschliche Sicherheit gegründet. Empfehlungen zum Schutz vor den Bedrohungen menschlicher Sicherheit werden formuliert, die in weiteren Gremien und Arbeitsgruppen konkretisiert und fortentwickelt werden. Im Jahr 2004 erlässt die Generalversammlung eine Resolution (64/291) zur Menschlichen Sicherheit: 

“a) The right of people to live in freedom and dignity, free from poverty and despair. All individuals, in particular vulnerable people, are entitled to freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to enjoy all their rights and fully develop their human potential.”

Auf dieser Grundlage wird menschliche Sicherheit bestimmt als personzentrierter, umfassender, kontextspezifischer und präventionsorientierter Schutz und als Empowerment von Einzelnen und Gemeinschaften. Dabei erscheint menschliche Sicherheit unlösbar verknüpft mit Frieden, Entwicklung und Menschenrechten. Die Resolution unterstreicht die primäre Verantwortung der Staaten, die aber in eine Partnerschaft und Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft eingebettet sein soll.

Eine Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs, wie ihn die Vereinten Nationen vorgenommen haben, war sinnvoll und notwendig, weil sie der Vielfalt und Komplexität von Sicherheitsbedürfnissen und -bedrohungen Rechnung trägt und die Person ins Zentrum stellt. Und doch scheint der sinnvolle und innerhalb der UN prominente Begriff in der Realität wenig wirksam geworden zu sein. 

Beinahe 25 Jahre nach Erscheinen des Berichts möchte dieses Heft das Thema wieder aufgreifen und im Kontext der Theologie neu akzentuieren und diskutieren. Ein erneutes Nachdenken über Sicherheit erscheint erforderlich, da sich die Welt und die Beurteilung von Sicherheit – nicht nur, aber auch in Folge des 11. Septembers 2001 – in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert hat. Dazu gehört auch, dass eine Unsicherheit aus den Sorgen des täglichen Lebens und eine Unsicherheit aufgrund einer durch Katastrophen bestimmten Weltlage, wie sie im oben genannten Zitat aus dem UNDP-Bericht – begründet oder nicht – unterschieden wird, kaum mehr zu trennen sind. Das wiederum scheint heute vermehrt Staaten als Legitimation zu dienen, in Kategorien der nationalen Sicherheit zu denken. Angesichts echter und vermeintlicher Bedrohungen ist die Rede von Sicherheit omnipräsent, dient der vordergründigen Rechtfertigung der Beschränkung von Freiheitsrechten oder der Anwendung von Gewalt. Das allerdings kann nicht der richtige Weg sein. Dass es dennoch ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, ist kaum zu leugnen. 

Sicherheit bleibt ein ambivalenter und weit interpretierbarer Begriff. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem, was menschliche Sicherheit ist oder sein sollte, ist daher notwendig. 

Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, und sie verstehen „menschliche Sicherheit“ auf verschiedene Weisen. Einige Beiträge setzen sich explizit mit dem Begriffskonzept der Vereinten Nationen auseinander – in befürwortender Weiterentwicklung oder kritischer Auseinandersetzung; andere reflektieren Sicherheit eher losgelöst davon. Bei aller fruchtbaren Differenz der Beiträge zeigt sich, dass gerade nicht eine Rückkehr zu einem Konzept nationaler oder militärischer Sicherheit notwendig ist, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung, inhaltliche Füllung und Profilierung des Konzepts der menschlichen Sicherheit. Die Theologie trägt dazu maßgeblich bei, weil sie das UN-Konzept um wesentliche Perspektiven erweitert und inhaltlich fundiert. Die theologische Fundierung kann dabei, wie die Beiträge dieses Heftes zeigen, sehr unterschiedliche Aspekte hervorheben, die einander aber nicht widersprechen, sondern ein komplexes und damit angemesseneres Bild von Sicherheit zeichnen – und gleichzeitig das Versprechen absoluter Sicherheit als unhaltbar entlarven. 

Regina Ammicht-Quinn entfaltet die Komplexität des Begriffs der Sicherheit und hebt seine Ambivalenz hervor. Sie stellt eine Dominanz der Sicherheit in den Ländern des Nordens fest und kontrastiert sie mit dem Befund gleichzeitiger Entsicherung – als Verlust von Vertrauen einerseits und äußerst unsicheren Lebensbedingungen für einige andererseits. In dieser Situation wird oft eine absolute Sicherheit versprochen, und in dem Versprechen übersteigt der Wert der Sicherheit alles andere. Eine solche absolute Sicherheit ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch; sie tendiert zudem zu einer ungerechten Sicherheit.  Gegenüber der Verabsolutierung fordert Ammicht-Quinn eine kluge Begrenzung von Sicherheit und führt einen Begriff von Sicherheit ein, der nicht Securitas ist, sondern Certitudo, „die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.“ Der Religion kommt darin eine besondere Kompetenz zu, da sie durch die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins helfen kann, mit Verunsicherung umzugehen.

Erny Gillen erläutert den Begriff der menschlichen Entwicklung im Anschluss an die UN und würdigt ihn; er kritisiert das Konzept anschließend, weil es seines Erachtens die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit auf Kosten der Freiheit auflöst und zudem einen irreführenden und zugleich leeren Begriff der Sicherheit zum Ideal erhebt, der für die Praxis irrelevant bleiben muss. Um „menschliche Sicherheit“ inhaltlich zu schärfen und ihn praxisrelevant zu machen, skizziert er im Anschluss an Papst Franziskus vier Spannungsfelder, in denen sich menschliches Leben vollzieht: Zeitund Raum, Einheit und Konflikt, Idee und Wirklichkeit, Ganzes und Teil. Gillen würdigt jeweils beide Pole der Felder und trägt die Dynamik der jeweiligen Spannungen in den Begriff der menschlichen Sicherheit ein, der dadurch inhaltlich und ethisch aufgeladen wird, und dem auf diese Weise mehr Praxisrelevanz zukommt.

Die nächste Gruppe von Beiträgen versammelt genuin theologische Perspektiven auf „Sicherheit“. Rainer Kessler zeigt auf, welche Verständnisweisen von Sicherheit im Alten Testament vorliegen. Einerseits ist die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Erfahrungen großer Unsicherheit geprägt – seien es individuelle Bedrohungserfahrung durch Kriminalität o.ä. oder aber kollektive wie beispielsweise durch Umweltkatastrophen. Gefühle der Unsicherheit führen in den alttestamentlichen Texten, insbesondere den Psalmen, teilweise zu Klagen, vor allem aber zum Ausdruck des Sehnens nach einem sicheren Ort. Die alttestamtliche Sicherheit ist mehr als eine Gemütsverfassung, die trügen kann, aber auch mehr als ein Waffenstillstand. Wirkliche Sicherheit wird häufig mit dem Bild vom „sicheren Wohnen“ in Verbindung gebracht; sie ist nicht denkbar, so unterstreicht Kessler, ohne Frieden und Gerechtigkeit, wodurch der Begriff der Sicherheit entscheidend erweitert wird.

Knut Wenzel führt die Unterscheidung zwischen dem Bedürfnis nach und dem Diskurs über Sicherheit ein, um so den Sicherheitsdiskurs kritisieren zu können, ohne das Bedürfnis in Abrede zu stellen. Er zeigt, wie in Diskursen Sicherheit imaginiert wird – etwa in der Bedeutung der Astronomie in Hochkulturen, die darin angesichts von Bedrohung und Chaos Ordnung erfahrbar und berechenbar macht. Gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Astronomie sieht er in der Schöpfungstheologie die Sicherheit durch die Rückführung aller Wirklichkeit auf ein einziges Verursachungsprinzip garantiert, ohne aber dadurch Schöpfung als Kausalzusammenhang zu missverstehen und so die Freiheit aufzugeben. Vielmehr sei Schöpfung als ein von Gott initiiertes Subjektgeschehen aus Liebe zu verstehen und der Mensch darin als Geschöpf zugleich unverfügbar, so dass seine Antwort frei – und damit ungewiss ist. Jene „Dekonstruktion der Sicherheit durch den Absolutismus der Liebe“ in der Schöpfung lässt Wenzel schließlich mit Psalm 121 in eine Perspektive münden, in der Sicherheit verstanden wird als abundantia: Überfluss – theologisch: Gnade.

Matías Omar Ruz nimmt die ambivalente Rolle der Kirche in Sicherheitsdiskursen in den Blick – im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur und heute. Auf dem Hintergrund des Kalten Krieges betrachteten in den 1960er bis 1980er Jahren viele, auch die Kirche Argentinien, den Kommunismus als große Bedrohung. Dagegen entstand die Doktrin der nationalen Sicherheit, die sich zu einem „Kreuzzug gegen Terrorismus“ entwickelte und mit der Kriminalisierung politisch Oppositioneller einherging. Dies geschah in enger Verbindung mit Teilen der kirchlichen Hierarchie; gemeinsam wurde die Identität als katholische Nation vorangetrieben, und die Verteidigung christlicher Werte konnte zum Leitmotiv der Diktatur werden. Auf dem Hintergrund dieses Sicherheitsdiskurses sind aktuelle, mit Gewalt verbundene, Ereignisse zu situieren, die erneut Sicherheitsfragen stellen, wie Ruz am Beispiel der Mapuche und der Rentenreform deutlich macht. In der aktuellen Situation zeigt sich ein weitgehend gewandelter Sicherheitsbegriff in der Kirche, gemäß dem Sicherheit nicht durch Gewalt herzustellen ist, sondern den Schutz des Menschseins in all seinen Dimensionen erfordert.

Angesichts der Erfahrung von extremer Armut und Gewalt stellt sich die Frage nach sozialer Sicherheit besonders drängend. Unter dem Titel „Unsicherheit, Armut und Gewalt“ sind im nächsten Teil Reflexionen zusammengeführt, die in sehr konkreten Situationen der Unsicherheit auf verschiedenen Kontinenten ihren Ausgang nehmen. Auf je unterschiedliche Weisen spielt das Verhältnis von Staat und kleineren Gruppen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Gerade in Staaten, die der Aufgabe, die Sicherheit des menschlichen Lebens zu garantieren, nicht mehr nachkommen, wird dies häufig von kleineren Organisationsebenen übernommen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Gemeinschaften füllen die entstandene Lücke, sie schaffen eine Sicherheit, die soziale Dimensionen einschließt. Die Situierung in stabilen Beziehungsgefügen ermöglicht Resilienz und liefert so einen Baustein menschlicher Sicherheit. Die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehung für die Garantie menschlicher Sicherheit ist demnach groß; doch sie entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung.

Aus Kolumbien erläutert Pilar Mendoza, wie Gewalt und die damit verbundene Vertreibung für viele Menschen den Verlust jeder Sicherheit darstellt Durch den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt mussten viele ihr Heim verlassen und landeten mittel- und schutzlos zumeist in den Städten des Landes. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten kam der Staat seiner Schutzpflicht ihnen gegenüber teilweise nach. Mendoza erläutert, wie die Vertriebenen im veränderten Lebensumfeld der Städte trotz ihres Verlusts nicht in einer Opferrolle verharren, sondern zu Akteuren ihres Schicksals werden. Durch die Vernetzung mit anderen in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen, vor Ort und auf anderen Ebenen, entsteht auf diese Weise eine soziale Integration, die der Erneuerung des Landes dient und auf der Grundlage von Gemeinschaft zu mehr Sicherheit beiträgt.

Für Kenia und andere afrikanische Länder konstatiert Elias Opongo, dass ein Mangel an Sicherheit zwar allgemein (an-)erkannt ist, der Zusammenhang von bewaffneter Gewalt, Instabilität und Armut aber zu wenig berücksichtigt wird. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang vom Begriff der menschlichen Sicherheit der Vereinten Nationen in seinen sieben Dimensionen als notwendiges Komplement menschlicher Entwicklung. Waffengewalt durch Terrorgruppen und andere haben direkte Auswirkungen auf menschliche Sicherheit und Entwicklung und gefährden sie nochmals durch sich potenzierende Folgen wie Vertreibung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. Um menschliche Sicherheit tatsächlich zu realisieren, muss, so führt Opongo aus, an all diesen Punkten angesetzt werden – v.a. aber bei der Gewalt, weil sie die Ursache vieler Folgeprobleme ist.

Exemplarisch für Asien beleuchtet Jojo Fung die Situation auf den Philippinen. Der größte Unsicherheitsfaktor sind hier die immer häufigeren sog. außergerichtlichen Tötungen als Maßnahmen der Drogenbekämpfung. Betroffen sind davon v.a. die armen Bevölkerungsgruppen. Die philippinischen Kirchen kritisieren diese Praktiken scharf. In der Argumentation der Regierung hingegen dienen die Maßnahmen dem Schutz der Bevölkerung. Die Rhetorik verharmlost jedoch die extreme Gewalt und ignoriert die Ursachen des Drogenproblems, die in starker sozialer Ungleichheit liegen. Fung kritisiert diese Vorstellung von Sicherheit im Rekurs auf biblische Texte und veranschaulicht, dass dort stets Friede die Grundbedingung von Sicherheit ist. Er parallelisiert die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit der biblischen Akteure mit den Menschen auf den Philippinen und begründet ihre Hoffnung in existenzieller Unsicherheit im Kreuz. Dabei drückt er zugleich die Erwartung aus, dass die gewaltlose Macht des Kreuzes ein Modell für Kirche und Staat sein kann. Der Begriff der menschlichen Entwicklung wird letztlich erweitert, da jede Sicherheit als in Gott gründend angenommen wird.

Für Europa reflektiert Michal Kaplánek die Frage nach Sicherheit im Kontext von Tschechien. Angesichts des derzeit vielfach diagnostizierten Verlusts von Sicherheiten geht er der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Kommunismus hier Ansätze zu Antworten liefern kann. Kaplánek stellt in Teilen von Kirche und Gesellschaft ein Sehnen nach verlorenen Traditionen und Sicherheiten fest. Tatsächlich gab es im Kommunismus die Erfahrung von Sicherheit, v.a. sozialer Sicherheit, da die Menschen zwar keinen großen Reichtum, aber doch ein sicheres Auskommen, Gesundheitsversorgung u.ä. hatten. Dies anerkennend erinnert er doch daran, dass es sich um eine Sicherheit auf Kosten der Freiheit handelte und er bezeichnet diese Art der Sicherheit als Totenruhe. Die Kirche tue nicht gut daran, wenn sie nach einer solchen Form der Sicherheit suche. Eine theologische Antwort auf die Sehnsucht nach Sicherheit muss vielmehr in der befreienden Erfahrung der Liebe Gottes ihren Ausgang nehmen und eine Sicherheit verkünden, die nicht in der umfassenden Absicherung, sondern im Vertrauen auf Verheißung Gottes gründet und dabei auch Ungewissheiten ertragen kann.

Abschließend nimmt Jude Lal Fernando mit einer koreanischen eine sehr spezifisch geprägte Perspektive ein. Er kritisiert ein reduziertes Konzept menschlicher Sicherheit, das dem Interesse neoliberaler Gouvernementalität entspringt und der Rechtfertigung militärischer Intervention dient, sowie eine Sicherheitspraxis, die, forciert von verschiedenen Ländern und einigen fundamentalistischen Kirchen, auf Trennung und Dämonisierung Nordkoreas aufbaut. Demgegenüber hebt er die versöhnende Praxis anderer Kirchen hervor, in denen die Idee des gerechten Friedens zum Ausdruck kommt. Darin werden trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten des Norden und des Südens hervorgehoben, und der Konflikt wird interpretiert im Gesamt weltweiter Interessen. Auf dieser Grundlage kann „menschliche Sicherheit“ in enger Beziehung zu Frieden und Gerechtigkeit redefiniert werden.

Das Theologische Forum vereint abschließend Beiträge zu drei Persönlichkeiten. Der erste erinnert an eine deutsche Ordensschwester und Ärztin, die sechzig Jahre lang in Pakistan gelebt und ihr Leben auf einzigartige Weise an Lepra erkrankten Menschen gewidmet hat – Ruth Pfau, auch bekannt als „Mutter Theresa“ von Pakistan. Ihre Liebe und Hingabe für die Ärmsten kannte keine Grenzen und überwand viele Arten von Barrieren. In Bezug auf das Thema unseres Heftes könnte man sagen, sie verkörperte eine von Gott gesandte menschliche Sicherheit für die, die ohne jede Sicherheit leben: die Leprakranken. Dass eine Katholikin in einem muslimischen Land – Pakistan – mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, spricht für sich und zeugt von ihrem universalen Geist und ihrer Con-Passion.

Die beiden anderen Personen waren anerkannte Mitglieder des Herausgeberkreises von Concilium – Claude Geffré und Gregory Baum. Sie waren getreue Anhänger unserer Zeitschrift in den frühen Jahren, und gestalteten bis zum Schluss die Zukunft der Zeitschrift mit Beiträgen, sowie mit Weisheit und Rat mit. Mit zwei etwas längeren Nachrufen möchten wie sie einerseits würdigen, andererseits aber auch von ihren Leben lernen, das selbst eine theologische Botschaft darstellt.

Zu guter Letzt danken wir allen, die zu diesem Heft beigetragen haben – den Autorinnen und Autoren; sowie jenen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern des Herausgeberkreises, die in Diskussionen und mit hilfreichen Anregungen die Ausrichtung und Ausführung dieses Heftes mitgestaltet haben.


Table des matières

Editorial

1. Fondements

Erny Gillen – Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen

Regina Ammicht-Quinn – „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit

2. Perspectives théologiques

Knut Wenzel – Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit

Rainer Kessler – „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel

Matías Omar Ruz – Iglesia y Seguridad en Argentina. Vaivenes de un vínculo controvertido

3. Insécurité, pouvoir et violence

Jojo Fung – An emerging Theology of Human Security: the Philippine Context

Pilar Mendoza – El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades

Elias Omondi Opongo – Insecurity & Violence and Impact on Human Security

Michal Kaplánek – Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit

Jude Lal Fernando – Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace

4. Forum théologique

Harald Meyer-Porzky – In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017)

Bruno Demers – Claude Geffré o.p.

Solange Lefebvre // David Seljak – Gregory Baum, Pioneer of ecumenism and dialogue (1923-2017)


Résumés

Erny Gillen – « Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen ». Der menschliche Sicherheitskomplex (MSK) muss in ein größeres Ganzes eingebunden sein, damit er seine Kraft für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Institutionen entfalten kann. Die innere Spannung zwischen menschlicher Sicherheit und Freiheit wird dann nutzbringend erhalten bleiben, wenn es gelingt, ihn ethisch aufzuladen und praktisch mit Leben zu füllen. Nur so wird er Eingang in den politischen Diskurs und das politische Handeln erhalten.

Regina Ammicht-Quinn – « „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit ». Sicherheit ist ambivalent. Sie ist nach wie vor von höchster Bedeutung: Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich. Bei der Sicherheitsplanung werden jedoch in anderen Bereichen Einschränkungen vorgenommen. Die heutigen Sicherheitswünsche, -strategien und -aktionen auf säkularer Ebene haben ihren eigenen religiösen Hintergrund. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir Religion auch als Leitfaden für ein besseres Sicherheitsmanagement verstehen.

Knut Wenzel – « Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundlegende Ambivalenz des Wunsches nach oder der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Neuinterpretation ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Rainer Kessler – « „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundsätzliche Ambivalenz des Wunsches nach bzw. der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Umdeutung ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Jojo N. Fung – « An Emerging Theology of Human Security: the Philippine context » : Human security is a concept that involves the systematic protection and promotion of fundamental freedoms and community processes in favor of the survival of vulnerable people. An emerging theological idea emphasizes God as the source of human security. Any violation of personal dignity demands political action to counter it.

Pilar Mendoza – « El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades » : El fenómeno del desplazamiento forzado de grupos enteros en Colombia sigue creciendo a pesar de la firma del acuerdo de paz entre el gobierno y la guerrilla de las FAAC. El desplazamiento conlleva la pérdida de los hogares y también de la seguridad existencial: los vínculos emocionales, sociales y culturales. Sin embargo, esto ha generado una reorganización de la sociedad en forma de resistencia y supervivencia al riesgo, transformando a las víctimas de este flagelo en actores del cambio.

Elias Omondi Opongo – « Insecurity & Violence and Impact on Human Security » : poverty and armed violence, among other factors, are causing dire human and national security challenges for Africa. There exist many opportunities for countries in Sub-Saharan Africa to strengthen economic well-being and address armed violence, thereby redressing the challenge of human insecurity. Of particular concern are the unemployed youth who are mostly vulnerable to recruitment to militia and terrorist groups. In this regard, governments should significantly expand the formal private sector, which remains underdeveloped in most African countries as this will facilitate much higher levels of investment in the economies and so generate employment and economic growth. Equally, governments need to strengthen and expand service delivery in education and health sectors, particularly in most marginalized regions.

Michal Kaplánek – « Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit » : Die europäische Gesellschaft ist in den letzten Jahren gespalten, im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Zum besseren Verstehen dieses Phänomens bietet der Autor eine Reflexion über den schwierigen Weg der postkommunistischen Gesellschaften von einer „bescheidenen Sicherheit“ des sog. realen Sozialismus zu einem demokratischen politischen System, das aber voll von Unsicherheiten ist. Heutzutage schaut es so aus, als ob manche Christen lieber auf Freiheit und Barmherzigkeit innerhalb der Kirche verzichten würden als eine Verunsicherung zuzulassen. Die gegenwärtige Polarisierung wird interpretiert als ein Konflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus im Sinne Ingleharts. Während sich die Materialisten im Staat und in der Kirche nach den herkömmlichen Sicherheiten sehnen, glauben die Postmaterialisten viel mehr an die positive Wirkung und an die Zukunft der Demokratie. Es gibt auch Katholiken, die Ihre Sicherheit in der Fixierung auf die Beibehaltung der vergangenen Formen der Liturgie und der binnenkirchlichen Umgangskultur sehen. In diesem Kontext stellt die Evangelisierung für den Autor keinen Weg zurück zu den Sicherheiten von gestern dar, sondern umfasst die Öffnung neuer Horizonte.

Jude Lal Fernando – « Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace » : In the inter-Korean conflict, stability and security in the region are the ultimate goal of competitive national security paradigms. The growing militarization of the region, however, may trigger a catastrophe without precedent. The article emphasizes joint efforts to build peace.

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Concilium 2018-2. Segurança humana

Editado por: Michelle Becka, Felix Wilfred e Mile Babić


As traduções completas desta edição estão disponíveis nos seguintes idiomas:
English: Human security
Español: Seguridad humana y orden internacional
Deutsch: Menschliche Sicherheit
Italiano: Sicurezza umana. Contributi dalla teologia
Português: Segurança humana


Editorial

“Menschliche Sicherheit” geht als Begriff und Konzept zurück auf den Bericht zur Menschlichen Entwicklung von 1994, der den Titel trägt „New Dimensions of Human Security“. Ziel dieses Berichts ist es, Sicherheit als Sicherheit von Menschen zu verstehen und nicht von Staaten und Hoheitsgebieten: 

“For too long, the concept of security has been shaped by the potential for conflict between states. For too long, security has been equated with the threats to a country’s borders. For too long, nations have sought arms to protect their security. For most people today, a feeling of insecurity arises more from worries about daily life than from the dread of a cataclysmic world event. Job security, income security, health security, environmental security, security from crime – these are the emerging concerns of human security all over the world.“ (UNDP, Human Development Report 1994, 3)

 „Menschliche Sicherheit“ stellt nicht Staaten, sondern Personen ins Zentrum und zielt auf deren persönliche Sicherheit und individuelle Freiheit: Sie erfordert Freiheit von Furcht („fear“) und Freiheit von Mangel („want“). Darin steckt die wichtige Erkenntnis, dass sowohl die Furcht vor Bedrohungen, Verlust oder einer ungewissen Zukunft das Sicherheitsempfinden von Menschen beeinflusst, als auch materielle Not – mit all ihren Begleiterscheinungen. Menschliche Sicherheit im Sinne des Berichts zur menschlichen Entwicklung umfasst sieben Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, Ernährungssicherheit, Gesundheit, persönliche Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Gewalt und anderen Bedrohungen), Umwelt (als Schutz vor Umweltkatastrophen und -bedrohungen, wie Mangel an Trinkwasser, Desertation etc.), Gemeinschaft (den Schutz in Gemeinschaften und von Gemeinschaften umfassend) und politische Sicherheit (vgl. UNDP, 1994, 24-33). Sie erfordert Schutz und die Schaffung von Bedingungen, welche die Gestaltung von Freiheitsräumen und die Entfaltung von Fähigkeiten in diesen Bereichen ermöglichen. Sie kann zudem aufgrund von Interdependenzen und globalen Auswirkungen lokaler Praktiken nur global verstanden werden und bedarf entsprechender internationaler politischer Anstrengungen. 

Innerhalb der Vereinten Nationen spielt das Konzept der Menschlichen Sicherheit seit 1994 eine wichtige Rolle. 2001 wird eine Kommission für die menschliche Sicherheit gegründet. Empfehlungen zum Schutz vor den Bedrohungen menschlicher Sicherheit werden formuliert, die in weiteren Gremien und Arbeitsgruppen konkretisiert und fortentwickelt werden. Im Jahr 2004 erlässt die Generalversammlung eine Resolution (64/291) zur Menschlichen Sicherheit: 

“a) The right of people to live in freedom and dignity, free from poverty and despair. All individuals, in particular vulnerable people, are entitled to freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to enjoy all their rights and fully develop their human potential.”

Auf dieser Grundlage wird menschliche Sicherheit bestimmt als personzentrierter, umfassender, kontextspezifischer und präventionsorientierter Schutz und als Empowerment von Einzelnen und Gemeinschaften. Dabei erscheint menschliche Sicherheit unlösbar verknüpft mit Frieden, Entwicklung und Menschenrechten. Die Resolution unterstreicht die primäre Verantwortung der Staaten, die aber in eine Partnerschaft und Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft eingebettet sein soll.

Eine Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs, wie ihn die Vereinten Nationen vorgenommen haben, war sinnvoll und notwendig, weil sie der Vielfalt und Komplexität von Sicherheitsbedürfnissen und -bedrohungen Rechnung trägt und die Person ins Zentrum stellt. Und doch scheint der sinnvolle und innerhalb der UN prominente Begriff in der Realität wenig wirksam geworden zu sein. 

Beinahe 25 Jahre nach Erscheinen des Berichts möchte dieses Heft das Thema wieder aufgreifen und im Kontext der Theologie neu akzentuieren und diskutieren. Ein erneutes Nachdenken über Sicherheit erscheint erforderlich, da sich die Welt und die Beurteilung von Sicherheit – nicht nur, aber auch in Folge des 11. Septembers 2001 – in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert hat. Dazu gehört auch, dass eine Unsicherheit aus den Sorgen des täglichen Lebens und eine Unsicherheit aufgrund einer durch Katastrophen bestimmten Weltlage, wie sie im oben genannten Zitat aus dem UNDP-Bericht – begründet oder nicht – unterschieden wird, kaum mehr zu trennen sind. Das wiederum scheint heute vermehrt Staaten als Legitimation zu dienen, in Kategorien der nationalen Sicherheit zu denken. Angesichts echter und vermeintlicher Bedrohungen ist die Rede von Sicherheit omnipräsent, dient der vordergründigen Rechtfertigung der Beschränkung von Freiheitsrechten oder der Anwendung von Gewalt. Das allerdings kann nicht der richtige Weg sein. Dass es dennoch ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, ist kaum zu leugnen. 

Sicherheit bleibt ein ambivalenter und weit interpretierbarer Begriff. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem, was menschliche Sicherheit ist oder sein sollte, ist daher notwendig. 

Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, und sie verstehen „menschliche Sicherheit“ auf verschiedene Weisen. Einige Beiträge setzen sich explizit mit dem Begriffskonzept der Vereinten Nationen auseinander – in befürwortender Weiterentwicklung oder kritischer Auseinandersetzung; andere reflektieren Sicherheit eher losgelöst davon. Bei aller fruchtbaren Differenz der Beiträge zeigt sich, dass gerade nicht eine Rückkehr zu einem Konzept nationaler oder militärischer Sicherheit notwendig ist, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung, inhaltliche Füllung und Profilierung des Konzepts der menschlichen Sicherheit. Die Theologie trägt dazu maßgeblich bei, weil sie das UN-Konzept um wesentliche Perspektiven erweitert und inhaltlich fundiert. Die theologische Fundierung kann dabei, wie die Beiträge dieses Heftes zeigen, sehr unterschiedliche Aspekte hervorheben, die einander aber nicht widersprechen, sondern ein komplexes und damit angemesseneres Bild von Sicherheit zeichnen – und gleichzeitig das Versprechen absoluter Sicherheit als unhaltbar entlarven. 

Regina Ammicht-Quinn entfaltet die Komplexität des Begriffs der Sicherheit und hebt seine Ambivalenz hervor. Sie stellt eine Dominanz der Sicherheit in den Ländern des Nordens fest und kontrastiert sie mit dem Befund gleichzeitiger Entsicherung – als Verlust von Vertrauen einerseits und äußerst unsicheren Lebensbedingungen für einige andererseits. In dieser Situation wird oft eine absolute Sicherheit versprochen, und in dem Versprechen übersteigt der Wert der Sicherheit alles andere. Eine solche absolute Sicherheit ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch; sie tendiert zudem zu einer ungerechten Sicherheit.  Gegenüber der Verabsolutierung fordert Ammicht-Quinn eine kluge Begrenzung von Sicherheit und führt einen Begriff von Sicherheit ein, der nicht Securitas ist, sondern Certitudo, „die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.“ Der Religion kommt darin eine besondere Kompetenz zu, da sie durch die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins helfen kann, mit Verunsicherung umzugehen.

Erny Gillen erläutert den Begriff der menschlichen Entwicklung im Anschluss an die UN und würdigt ihn; er kritisiert das Konzept anschließend, weil es seines Erachtens die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit auf Kosten der Freiheit auflöst und zudem einen irreführenden und zugleich leeren Begriff der Sicherheit zum Ideal erhebt, der für die Praxis irrelevant bleiben muss. Um „menschliche Sicherheit“ inhaltlich zu schärfen und ihn praxisrelevant zu machen, skizziert er im Anschluss an Papst Franziskus vier Spannungsfelder, in denen sich menschliches Leben vollzieht: Zeitund Raum, Einheit und Konflikt, Idee und Wirklichkeit, Ganzes und Teil. Gillen würdigt jeweils beide Pole der Felder und trägt die Dynamik der jeweiligen Spannungen in den Begriff der menschlichen Sicherheit ein, der dadurch inhaltlich und ethisch aufgeladen wird, und dem auf diese Weise mehr Praxisrelevanz zukommt.

Die nächste Gruppe von Beiträgen versammelt genuin theologische Perspektiven auf „Sicherheit“. Rainer Kessler zeigt auf, welche Verständnisweisen von Sicherheit im Alten Testament vorliegen. Einerseits ist die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Erfahrungen großer Unsicherheit geprägt – seien es individuelle Bedrohungserfahrung durch Kriminalität o.ä. oder aber kollektive wie beispielsweise durch Umweltkatastrophen. Gefühle der Unsicherheit führen in den alttestamentlichen Texten, insbesondere den Psalmen, teilweise zu Klagen, vor allem aber zum Ausdruck des Sehnens nach einem sicheren Ort. Die alttestamtliche Sicherheit ist mehr als eine Gemütsverfassung, die trügen kann, aber auch mehr als ein Waffenstillstand. Wirkliche Sicherheit wird häufig mit dem Bild vom „sicheren Wohnen“ in Verbindung gebracht; sie ist nicht denkbar, so unterstreicht Kessler, ohne Frieden und Gerechtigkeit, wodurch der Begriff der Sicherheit entscheidend erweitert wird.

Knut Wenzel führt die Unterscheidung zwischen dem Bedürfnis nach und dem Diskurs über Sicherheit ein, um so den Sicherheitsdiskurs kritisieren zu können, ohne das Bedürfnis in Abrede zu stellen. Er zeigt, wie in Diskursen Sicherheit imaginiert wird – etwa in der Bedeutung der Astronomie in Hochkulturen, die darin angesichts von Bedrohung und Chaos Ordnung erfahrbar und berechenbar macht. Gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Astronomie sieht er in der Schöpfungstheologie die Sicherheit durch die Rückführung aller Wirklichkeit auf ein einziges Verursachungsprinzip garantiert, ohne aber dadurch Schöpfung als Kausalzusammenhang zu missverstehen und so die Freiheit aufzugeben. Vielmehr sei Schöpfung als ein von Gott initiiertes Subjektgeschehen aus Liebe zu verstehen und der Mensch darin als Geschöpf zugleich unverfügbar, so dass seine Antwort frei – und damit ungewiss ist. Jene „Dekonstruktion der Sicherheit durch den Absolutismus der Liebe“ in der Schöpfung lässt Wenzel schließlich mit Psalm 121 in eine Perspektive münden, in der Sicherheit verstanden wird als abundantia: Überfluss – theologisch: Gnade.

Matías Omar Ruz nimmt die ambivalente Rolle der Kirche in Sicherheitsdiskursen in den Blick – im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur und heute. Auf dem Hintergrund des Kalten Krieges betrachteten in den 1960er bis 1980er Jahren viele, auch die Kirche Argentinien, den Kommunismus als große Bedrohung. Dagegen entstand die Doktrin der nationalen Sicherheit, die sich zu einem „Kreuzzug gegen Terrorismus“ entwickelte und mit der Kriminalisierung politisch Oppositioneller einherging. Dies geschah in enger Verbindung mit Teilen der kirchlichen Hierarchie; gemeinsam wurde die Identität als katholische Nation vorangetrieben, und die Verteidigung christlicher Werte konnte zum Leitmotiv der Diktatur werden. Auf dem Hintergrund dieses Sicherheitsdiskurses sind aktuelle, mit Gewalt verbundene, Ereignisse zu situieren, die erneut Sicherheitsfragen stellen, wie Ruz am Beispiel der Mapuche und der Rentenreform deutlich macht. In der aktuellen Situation zeigt sich ein weitgehend gewandelter Sicherheitsbegriff in der Kirche, gemäß dem Sicherheit nicht durch Gewalt herzustellen ist, sondern den Schutz des Menschseins in all seinen Dimensionen erfordert.

Angesichts der Erfahrung von extremer Armut und Gewalt stellt sich die Frage nach sozialer Sicherheit besonders drängend. Unter dem Titel „Unsicherheit, Armut und Gewalt“ sind im nächsten Teil Reflexionen zusammengeführt, die in sehr konkreten Situationen der Unsicherheit auf verschiedenen Kontinenten ihren Ausgang nehmen. Auf je unterschiedliche Weisen spielt das Verhältnis von Staat und kleineren Gruppen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Gerade in Staaten, die der Aufgabe, die Sicherheit des menschlichen Lebens zu garantieren, nicht mehr nachkommen, wird dies häufig von kleineren Organisationsebenen übernommen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Gemeinschaften füllen die entstandene Lücke, sie schaffen eine Sicherheit, die soziale Dimensionen einschließt. Die Situierung in stabilen Beziehungsgefügen ermöglicht Resilienz und liefert so einen Baustein menschlicher Sicherheit. Die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehung für die Garantie menschlicher Sicherheit ist demnach groß; doch sie entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung.

Aus Kolumbien erläutert Pilar Mendoza, wie Gewalt und die damit verbundene Vertreibung für viele Menschen den Verlust jeder Sicherheit darstellt Durch den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt mussten viele ihr Heim verlassen und landeten mittel- und schutzlos zumeist in den Städten des Landes. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten kam der Staat seiner Schutzpflicht ihnen gegenüber teilweise nach. Mendoza erläutert, wie die Vertriebenen im veränderten Lebensumfeld der Städte trotz ihres Verlusts nicht in einer Opferrolle verharren, sondern zu Akteuren ihres Schicksals werden. Durch die Vernetzung mit anderen in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen, vor Ort und auf anderen Ebenen, entsteht auf diese Weise eine soziale Integration, die der Erneuerung des Landes dient und auf der Grundlage von Gemeinschaft zu mehr Sicherheit beiträgt.

Für Kenia und andere afrikanische Länder konstatiert Elias Opongo, dass ein Mangel an Sicherheit zwar allgemein (an-)erkannt ist, der Zusammenhang von bewaffneter Gewalt, Instabilität und Armut aber zu wenig berücksichtigt wird. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang vom Begriff der menschlichen Sicherheit der Vereinten Nationen in seinen sieben Dimensionen als notwendiges Komplement menschlicher Entwicklung. Waffengewalt durch Terrorgruppen und andere haben direkte Auswirkungen auf menschliche Sicherheit und Entwicklung und gefährden sie nochmals durch sich potenzierende Folgen wie Vertreibung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. Um menschliche Sicherheit tatsächlich zu realisieren, muss, so führt Opongo aus, an all diesen Punkten angesetzt werden – v.a. aber bei der Gewalt, weil sie die Ursache vieler Folgeprobleme ist.

Exemplarisch für Asien beleuchtet Jojo Fung die Situation auf den Philippinen. Der größte Unsicherheitsfaktor sind hier die immer häufigeren sog. außergerichtlichen Tötungen als Maßnahmen der Drogenbekämpfung. Betroffen sind davon v.a. die armen Bevölkerungsgruppen. Die philippinischen Kirchen kritisieren diese Praktiken scharf. In der Argumentation der Regierung hingegen dienen die Maßnahmen dem Schutz der Bevölkerung. Die Rhetorik verharmlost jedoch die extreme Gewalt und ignoriert die Ursachen des Drogenproblems, die in starker sozialer Ungleichheit liegen. Fung kritisiert diese Vorstellung von Sicherheit im Rekurs auf biblische Texte und veranschaulicht, dass dort stets Friede die Grundbedingung von Sicherheit ist. Er parallelisiert die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit der biblischen Akteure mit den Menschen auf den Philippinen und begründet ihre Hoffnung in existenzieller Unsicherheit im Kreuz. Dabei drückt er zugleich die Erwartung aus, dass die gewaltlose Macht des Kreuzes ein Modell für Kirche und Staat sein kann. Der Begriff der menschlichen Entwicklung wird letztlich erweitert, da jede Sicherheit als in Gott gründend angenommen wird.

Für Europa reflektiert Michal Kaplánek die Frage nach Sicherheit im Kontext von Tschechien. Angesichts des derzeit vielfach diagnostizierten Verlusts von Sicherheiten geht er der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Kommunismus hier Ansätze zu Antworten liefern kann. Kaplánek stellt in Teilen von Kirche und Gesellschaft ein Sehnen nach verlorenen Traditionen und Sicherheiten fest. Tatsächlich gab es im Kommunismus die Erfahrung von Sicherheit, v.a. sozialer Sicherheit, da die Menschen zwar keinen großen Reichtum, aber doch ein sicheres Auskommen, Gesundheitsversorgung u.ä. hatten. Dies anerkennend erinnert er doch daran, dass es sich um eine Sicherheit auf Kosten der Freiheit handelte und er bezeichnet diese Art der Sicherheit als Totenruhe. Die Kirche tue nicht gut daran, wenn sie nach einer solchen Form der Sicherheit suche. Eine theologische Antwort auf die Sehnsucht nach Sicherheit muss vielmehr in der befreienden Erfahrung der Liebe Gottes ihren Ausgang nehmen und eine Sicherheit verkünden, die nicht in der umfassenden Absicherung, sondern im Vertrauen auf Verheißung Gottes gründet und dabei auch Ungewissheiten ertragen kann.

Abschließend nimmt Jude Lal Fernando mit einer koreanischen eine sehr spezifisch geprägte Perspektive ein. Er kritisiert ein reduziertes Konzept menschlicher Sicherheit, das dem Interesse neoliberaler Gouvernementalität entspringt und der Rechtfertigung militärischer Intervention dient, sowie eine Sicherheitspraxis, die, forciert von verschiedenen Ländern und einigen fundamentalistischen Kirchen, auf Trennung und Dämonisierung Nordkoreas aufbaut. Demgegenüber hebt er die versöhnende Praxis anderer Kirchen hervor, in denen die Idee des gerechten Friedens zum Ausdruck kommt. Darin werden trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten des Norden und des Südens hervorgehoben, und der Konflikt wird interpretiert im Gesamt weltweiter Interessen. Auf dieser Grundlage kann „menschliche Sicherheit“ in enger Beziehung zu Frieden und Gerechtigkeit redefiniert werden.

Das Theologische Forum vereint abschließend Beiträge zu drei Persönlichkeiten. Der erste erinnert an eine deutsche Ordensschwester und Ärztin, die sechzig Jahre lang in Pakistan gelebt und ihr Leben auf einzigartige Weise an Lepra erkrankten Menschen gewidmet hat – Ruth Pfau, auch bekannt als „Mutter Theresa“ von Pakistan. Ihre Liebe und Hingabe für die Ärmsten kannte keine Grenzen und überwand viele Arten von Barrieren. In Bezug auf das Thema unseres Heftes könnte man sagen, sie verkörperte eine von Gott gesandte menschliche Sicherheit für die, die ohne jede Sicherheit leben: die Leprakranken. Dass eine Katholikin in einem muslimischen Land – Pakistan – mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, spricht für sich und zeugt von ihrem universalen Geist und ihrer Con-Passion.

Die beiden anderen Personen waren anerkannte Mitglieder des Herausgeberkreises von Concilium – Claude Geffré und Gregory Baum. Sie waren getreue Anhänger unserer Zeitschrift in den frühen Jahren, und gestalteten bis zum Schluss die Zukunft der Zeitschrift mit Beiträgen, sowie mit Weisheit und Rat mit. Mit zwei etwas längeren Nachrufen möchten wie sie einerseits würdigen, andererseits aber auch von ihren Leben lernen, das selbst eine theologische Botschaft darstellt.

Zu guter Letzt danken wir allen, die zu diesem Heft beigetragen haben – den Autorinnen und Autoren; sowie jenen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern des Herausgeberkreises, die in Diskussionen und mit hilfreichen Anregungen die Ausrichtung und Ausführung dieses Heftes mitgestaltet haben.


Tabela de conteúdo

Editorial

1. Fundações

Erny Gillen – Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen

Regina Ammicht-Quinn – „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit

2. Perspectivas teológicas

Knut Wenzel – Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit

Rainer Kessler – „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel

Matías Omar Ruz – Iglesia y Seguridad en Argentina. Vaivenes de un vínculo controvertido

3. Insegurança, Poder e Violência

Jojo Fung – An emerging Theology of Human Security: the Philippine Context

Pilar Mendoza – El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades

Elias Omondi Opongo – Insecurity & Violence and Impact on Human Security

Michal Kaplánek – Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit

Jude Lal Fernando – Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace

4. Fórum Teológico

Harald Meyer-Porzky – In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017)

Bruno Demers – Claude Geffré o.p.

Solange Lefebvre // David Seljak – Gregory Baum, Pioneer of ecumenism and dialogue (1923-2017)


Resumos

Erny Gillen – « Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen ». Der menschliche Sicherheitskomplex (MSK) muss in ein größeres Ganzes eingebunden sein, damit er seine Kraft für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Institutionen entfalten kann. Die innere Spannung zwischen menschlicher Sicherheit und Freiheit wird dann nutzbringend erhalten bleiben, wenn es gelingt, ihn ethisch aufzuladen und praktisch mit Leben zu füllen. Nur so wird er Eingang in den politischen Diskurs und das politische Handeln erhalten.

Regina Ammicht-Quinn – « „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit ». Sicherheit ist ambivalent. Sie ist nach wie vor von höchster Bedeutung: Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich. Bei der Sicherheitsplanung werden jedoch in anderen Bereichen Einschränkungen vorgenommen. Die heutigen Sicherheitswünsche, -strategien und -aktionen auf säkularer Ebene haben ihren eigenen religiösen Hintergrund. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir Religion auch als Leitfaden für ein besseres Sicherheitsmanagement verstehen.

Knut Wenzel – « Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundlegende Ambivalenz des Wunsches nach oder der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Neuinterpretation ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Rainer Kessler – « „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundsätzliche Ambivalenz des Wunsches nach bzw. der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Umdeutung ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Jojo N. Fung – « An Emerging Theology of Human Security: the Philippine context » : Human security is a concept that involves the systematic protection and promotion of fundamental freedoms and community processes in favor of the survival of vulnerable people. An emerging theological idea emphasizes God as the source of human security. Any violation of personal dignity demands political action to counter it.

Pilar Mendoza – « El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades » : El fenómeno del desplazamiento forzado de grupos enteros en Colombia sigue creciendo a pesar de la firma del acuerdo de paz entre el gobierno y la guerrilla de las FAAC. El desplazamiento conlleva la pérdida de los hogares y también de la seguridad existencial: los vínculos emocionales, sociales y culturales. Sin embargo, esto ha generado una reorganización de la sociedad en forma de resistencia y supervivencia al riesgo, transformando a las víctimas de este flagelo en actores del cambio.

Elias Omondi Opongo – « Insecurity & Violence and Impact on Human Security » : poverty and armed violence, among other factors, are causing dire human and national security challenges for Africa. There exist many opportunities for countries in Sub-Saharan Africa to strengthen economic well-being and address armed violence, thereby redressing the challenge of human insecurity. Of particular concern are the unemployed youth who are mostly vulnerable to recruitment to militia and terrorist groups. In this regard, governments should significantly expand the formal private sector, which remains underdeveloped in most African countries as this will facilitate much higher levels of investment in the economies and so generate employment and economic growth. Equally, governments need to strengthen and expand service delivery in education and health sectors, particularly in most marginalized regions.

Michal Kaplánek – « Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit » : Die europäische Gesellschaft ist in den letzten Jahren gespalten, im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Zum besseren Verstehen dieses Phänomens bietet der Autor eine Reflexion über den schwierigen Weg der postkommunistischen Gesellschaften von einer „bescheidenen Sicherheit“ des sog. realen Sozialismus zu einem demokratischen politischen System, das aber voll von Unsicherheiten ist. Heutzutage schaut es so aus, als ob manche Christen lieber auf Freiheit und Barmherzigkeit innerhalb der Kirche verzichten würden als eine Verunsicherung zuzulassen. Die gegenwärtige Polarisierung wird interpretiert als ein Konflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus im Sinne Ingleharts. Während sich die Materialisten im Staat und in der Kirche nach den herkömmlichen Sicherheiten sehnen, glauben die Postmaterialisten viel mehr an die positive Wirkung und an die Zukunft der Demokratie. Es gibt auch Katholiken, die Ihre Sicherheit in der Fixierung auf die Beibehaltung der vergangenen Formen der Liturgie und der binnenkirchlichen Umgangskultur sehen. In diesem Kontext stellt die Evangelisierung für den Autor keinen Weg zurück zu den Sicherheiten von gestern dar, sondern umfasst die Öffnung neuer Horizonte.

Jude Lal Fernando – « Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace » : In the inter-Korean conflict, stability and security in the region are the ultimate goal of competitive national security paradigms. The growing militarization of the region, however, may trigger a catastrophe without precedent. The article emphasizes joint efforts to build peace.

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Concilium 2018-2. Sicurezza umana

Curato da: Michelle Becka, Felix Wilfred e Mile Babić


Le traduzioni complete di questa edizione sono disponibili nelle seguenti lingue:
English: Human security
Español: Seguridad humana y orden internacional
Deutsch: Menschliche Sicherheit
Italiano: Sicurezza umana. Contributi dalla teologia
Português: Segurança humana


Editoriale

“Menschliche Sicherheit” geht als Begriff und Konzept zurück auf den Bericht zur Menschlichen Entwicklung von 1994, der den Titel trägt „New Dimensions of Human Security“. Ziel dieses Berichts ist es, Sicherheit als Sicherheit von Menschen zu verstehen und nicht von Staaten und Hoheitsgebieten: 

“For too long, the concept of security has been shaped by the potential for conflict between states. For too long, security has been equated with the threats to a country’s borders. For too long, nations have sought arms to protect their security. For most people today, a feeling of insecurity arises more from worries about daily life than from the dread of a cataclysmic world event. Job security, income security, health security, environmental security, security from crime – these are the emerging concerns of human security all over the world.“ (UNDP, Human Development Report 1994, 3)

 „Menschliche Sicherheit“ stellt nicht Staaten, sondern Personen ins Zentrum und zielt auf deren persönliche Sicherheit und individuelle Freiheit: Sie erfordert Freiheit von Furcht („fear“) und Freiheit von Mangel („want“). Darin steckt die wichtige Erkenntnis, dass sowohl die Furcht vor Bedrohungen, Verlust oder einer ungewissen Zukunft das Sicherheitsempfinden von Menschen beeinflusst, als auch materielle Not – mit all ihren Begleiterscheinungen. Menschliche Sicherheit im Sinne des Berichts zur menschlichen Entwicklung umfasst sieben Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, Ernährungssicherheit, Gesundheit, persönliche Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Gewalt und anderen Bedrohungen), Umwelt (als Schutz vor Umweltkatastrophen und -bedrohungen, wie Mangel an Trinkwasser, Desertation etc.), Gemeinschaft (den Schutz in Gemeinschaften und von Gemeinschaften umfassend) und politische Sicherheit (vgl. UNDP, 1994, 24-33). Sie erfordert Schutz und die Schaffung von Bedingungen, welche die Gestaltung von Freiheitsräumen und die Entfaltung von Fähigkeiten in diesen Bereichen ermöglichen. Sie kann zudem aufgrund von Interdependenzen und globalen Auswirkungen lokaler Praktiken nur global verstanden werden und bedarf entsprechender internationaler politischer Anstrengungen. 

Innerhalb der Vereinten Nationen spielt das Konzept der Menschlichen Sicherheit seit 1994 eine wichtige Rolle. 2001 wird eine Kommission für die menschliche Sicherheit gegründet. Empfehlungen zum Schutz vor den Bedrohungen menschlicher Sicherheit werden formuliert, die in weiteren Gremien und Arbeitsgruppen konkretisiert und fortentwickelt werden. Im Jahr 2004 erlässt die Generalversammlung eine Resolution (64/291) zur Menschlichen Sicherheit: 

“a) The right of people to live in freedom and dignity, free from poverty and despair. All individuals, in particular vulnerable people, are entitled to freedom from fear and freedom from want, with an equal opportunity to enjoy all their rights and fully develop their human potential.”

Auf dieser Grundlage wird menschliche Sicherheit bestimmt als personzentrierter, umfassender, kontextspezifischer und präventionsorientierter Schutz und als Empowerment von Einzelnen und Gemeinschaften. Dabei erscheint menschliche Sicherheit unlösbar verknüpft mit Frieden, Entwicklung und Menschenrechten. Die Resolution unterstreicht die primäre Verantwortung der Staaten, die aber in eine Partnerschaft und Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft eingebettet sein soll.

Eine Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs, wie ihn die Vereinten Nationen vorgenommen haben, war sinnvoll und notwendig, weil sie der Vielfalt und Komplexität von Sicherheitsbedürfnissen und -bedrohungen Rechnung trägt und die Person ins Zentrum stellt. Und doch scheint der sinnvolle und innerhalb der UN prominente Begriff in der Realität wenig wirksam geworden zu sein. 

Beinahe 25 Jahre nach Erscheinen des Berichts möchte dieses Heft das Thema wieder aufgreifen und im Kontext der Theologie neu akzentuieren und diskutieren. Ein erneutes Nachdenken über Sicherheit erscheint erforderlich, da sich die Welt und die Beurteilung von Sicherheit – nicht nur, aber auch in Folge des 11. Septembers 2001 – in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert hat. Dazu gehört auch, dass eine Unsicherheit aus den Sorgen des täglichen Lebens und eine Unsicherheit aufgrund einer durch Katastrophen bestimmten Weltlage, wie sie im oben genannten Zitat aus dem UNDP-Bericht – begründet oder nicht – unterschieden wird, kaum mehr zu trennen sind. Das wiederum scheint heute vermehrt Staaten als Legitimation zu dienen, in Kategorien der nationalen Sicherheit zu denken. Angesichts echter und vermeintlicher Bedrohungen ist die Rede von Sicherheit omnipräsent, dient der vordergründigen Rechtfertigung der Beschränkung von Freiheitsrechten oder der Anwendung von Gewalt. Das allerdings kann nicht der richtige Weg sein. Dass es dennoch ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, ist kaum zu leugnen. 

Sicherheit bleibt ein ambivalenter und weit interpretierbarer Begriff. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem, was menschliche Sicherheit ist oder sein sollte, ist daher notwendig. 

Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, und sie verstehen „menschliche Sicherheit“ auf verschiedene Weisen. Einige Beiträge setzen sich explizit mit dem Begriffskonzept der Vereinten Nationen auseinander – in befürwortender Weiterentwicklung oder kritischer Auseinandersetzung; andere reflektieren Sicherheit eher losgelöst davon. Bei aller fruchtbaren Differenz der Beiträge zeigt sich, dass gerade nicht eine Rückkehr zu einem Konzept nationaler oder militärischer Sicherheit notwendig ist, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung, inhaltliche Füllung und Profilierung des Konzepts der menschlichen Sicherheit. Die Theologie trägt dazu maßgeblich bei, weil sie das UN-Konzept um wesentliche Perspektiven erweitert und inhaltlich fundiert. Die theologische Fundierung kann dabei, wie die Beiträge dieses Heftes zeigen, sehr unterschiedliche Aspekte hervorheben, die einander aber nicht widersprechen, sondern ein komplexes und damit angemesseneres Bild von Sicherheit zeichnen – und gleichzeitig das Versprechen absoluter Sicherheit als unhaltbar entlarven. 

Regina Ammicht-Quinn entfaltet die Komplexität des Begriffs der Sicherheit und hebt seine Ambivalenz hervor. Sie stellt eine Dominanz der Sicherheit in den Ländern des Nordens fest und kontrastiert sie mit dem Befund gleichzeitiger Entsicherung – als Verlust von Vertrauen einerseits und äußerst unsicheren Lebensbedingungen für einige andererseits. In dieser Situation wird oft eine absolute Sicherheit versprochen, und in dem Versprechen übersteigt der Wert der Sicherheit alles andere. Eine solche absolute Sicherheit ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch; sie tendiert zudem zu einer ungerechten Sicherheit.  Gegenüber der Verabsolutierung fordert Ammicht-Quinn eine kluge Begrenzung von Sicherheit und führt einen Begriff von Sicherheit ein, der nicht Securitas ist, sondern Certitudo, „die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.“ Der Religion kommt darin eine besondere Kompetenz zu, da sie durch die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins helfen kann, mit Verunsicherung umzugehen.

Erny Gillen erläutert den Begriff der menschlichen Entwicklung im Anschluss an die UN und würdigt ihn; er kritisiert das Konzept anschließend, weil es seines Erachtens die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit auf Kosten der Freiheit auflöst und zudem einen irreführenden und zugleich leeren Begriff der Sicherheit zum Ideal erhebt, der für die Praxis irrelevant bleiben muss. Um „menschliche Sicherheit“ inhaltlich zu schärfen und ihn praxisrelevant zu machen, skizziert er im Anschluss an Papst Franziskus vier Spannungsfelder, in denen sich menschliches Leben vollzieht: Zeitund Raum, Einheit und Konflikt, Idee und Wirklichkeit, Ganzes und Teil. Gillen würdigt jeweils beide Pole der Felder und trägt die Dynamik der jeweiligen Spannungen in den Begriff der menschlichen Sicherheit ein, der dadurch inhaltlich und ethisch aufgeladen wird, und dem auf diese Weise mehr Praxisrelevanz zukommt.

Die nächste Gruppe von Beiträgen versammelt genuin theologische Perspektiven auf „Sicherheit“. Rainer Kessler zeigt auf, welche Verständnisweisen von Sicherheit im Alten Testament vorliegen. Einerseits ist die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Erfahrungen großer Unsicherheit geprägt – seien es individuelle Bedrohungserfahrung durch Kriminalität o.ä. oder aber kollektive wie beispielsweise durch Umweltkatastrophen. Gefühle der Unsicherheit führen in den alttestamentlichen Texten, insbesondere den Psalmen, teilweise zu Klagen, vor allem aber zum Ausdruck des Sehnens nach einem sicheren Ort. Die alttestamtliche Sicherheit ist mehr als eine Gemütsverfassung, die trügen kann, aber auch mehr als ein Waffenstillstand. Wirkliche Sicherheit wird häufig mit dem Bild vom „sicheren Wohnen“ in Verbindung gebracht; sie ist nicht denkbar, so unterstreicht Kessler, ohne Frieden und Gerechtigkeit, wodurch der Begriff der Sicherheit entscheidend erweitert wird.

Knut Wenzel führt die Unterscheidung zwischen dem Bedürfnis nach und dem Diskurs über Sicherheit ein, um so den Sicherheitsdiskurs kritisieren zu können, ohne das Bedürfnis in Abrede zu stellen. Er zeigt, wie in Diskursen Sicherheit imaginiert wird – etwa in der Bedeutung der Astronomie in Hochkulturen, die darin angesichts von Bedrohung und Chaos Ordnung erfahrbar und berechenbar macht. Gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Astronomie sieht er in der Schöpfungstheologie die Sicherheit durch die Rückführung aller Wirklichkeit auf ein einziges Verursachungsprinzip garantiert, ohne aber dadurch Schöpfung als Kausalzusammenhang zu missverstehen und so die Freiheit aufzugeben. Vielmehr sei Schöpfung als ein von Gott initiiertes Subjektgeschehen aus Liebe zu verstehen und der Mensch darin als Geschöpf zugleich unverfügbar, so dass seine Antwort frei – und damit ungewiss ist. Jene „Dekonstruktion der Sicherheit durch den Absolutismus der Liebe“ in der Schöpfung lässt Wenzel schließlich mit Psalm 121 in eine Perspektive münden, in der Sicherheit verstanden wird als abundantia: Überfluss – theologisch: Gnade.

Matías Omar Ruz nimmt die ambivalente Rolle der Kirche in Sicherheitsdiskursen in den Blick – im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur und heute. Auf dem Hintergrund des Kalten Krieges betrachteten in den 1960er bis 1980er Jahren viele, auch die Kirche Argentinien, den Kommunismus als große Bedrohung. Dagegen entstand die Doktrin der nationalen Sicherheit, die sich zu einem „Kreuzzug gegen Terrorismus“ entwickelte und mit der Kriminalisierung politisch Oppositioneller einherging. Dies geschah in enger Verbindung mit Teilen der kirchlichen Hierarchie; gemeinsam wurde die Identität als katholische Nation vorangetrieben, und die Verteidigung christlicher Werte konnte zum Leitmotiv der Diktatur werden. Auf dem Hintergrund dieses Sicherheitsdiskurses sind aktuelle, mit Gewalt verbundene, Ereignisse zu situieren, die erneut Sicherheitsfragen stellen, wie Ruz am Beispiel der Mapuche und der Rentenreform deutlich macht. In der aktuellen Situation zeigt sich ein weitgehend gewandelter Sicherheitsbegriff in der Kirche, gemäß dem Sicherheit nicht durch Gewalt herzustellen ist, sondern den Schutz des Menschseins in all seinen Dimensionen erfordert.

Angesichts der Erfahrung von extremer Armut und Gewalt stellt sich die Frage nach sozialer Sicherheit besonders drängend. Unter dem Titel „Unsicherheit, Armut und Gewalt“ sind im nächsten Teil Reflexionen zusammengeführt, die in sehr konkreten Situationen der Unsicherheit auf verschiedenen Kontinenten ihren Ausgang nehmen. Auf je unterschiedliche Weisen spielt das Verhältnis von Staat und kleineren Gruppen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Gerade in Staaten, die der Aufgabe, die Sicherheit des menschlichen Lebens zu garantieren, nicht mehr nachkommen, wird dies häufig von kleineren Organisationsebenen übernommen. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Gemeinschaften füllen die entstandene Lücke, sie schaffen eine Sicherheit, die soziale Dimensionen einschließt. Die Situierung in stabilen Beziehungsgefügen ermöglicht Resilienz und liefert so einen Baustein menschlicher Sicherheit. Die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehung für die Garantie menschlicher Sicherheit ist demnach groß; doch sie entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung.

Aus Kolumbien erläutert Pilar Mendoza, wie Gewalt und die damit verbundene Vertreibung für viele Menschen den Verlust jeder Sicherheit darstellt Durch den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt mussten viele ihr Heim verlassen und landeten mittel- und schutzlos zumeist in den Städten des Landes. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten kam der Staat seiner Schutzpflicht ihnen gegenüber teilweise nach. Mendoza erläutert, wie die Vertriebenen im veränderten Lebensumfeld der Städte trotz ihres Verlusts nicht in einer Opferrolle verharren, sondern zu Akteuren ihres Schicksals werden. Durch die Vernetzung mit anderen in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen, vor Ort und auf anderen Ebenen, entsteht auf diese Weise eine soziale Integration, die der Erneuerung des Landes dient und auf der Grundlage von Gemeinschaft zu mehr Sicherheit beiträgt.

Für Kenia und andere afrikanische Länder konstatiert Elias Opongo, dass ein Mangel an Sicherheit zwar allgemein (an-)erkannt ist, der Zusammenhang von bewaffneter Gewalt, Instabilität und Armut aber zu wenig berücksichtigt wird. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang vom Begriff der menschlichen Sicherheit der Vereinten Nationen in seinen sieben Dimensionen als notwendiges Komplement menschlicher Entwicklung. Waffengewalt durch Terrorgruppen und andere haben direkte Auswirkungen auf menschliche Sicherheit und Entwicklung und gefährden sie nochmals durch sich potenzierende Folgen wie Vertreibung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. Um menschliche Sicherheit tatsächlich zu realisieren, muss, so führt Opongo aus, an all diesen Punkten angesetzt werden – v.a. aber bei der Gewalt, weil sie die Ursache vieler Folgeprobleme ist.

Exemplarisch für Asien beleuchtet Jojo Fung die Situation auf den Philippinen. Der größte Unsicherheitsfaktor sind hier die immer häufigeren sog. außergerichtlichen Tötungen als Maßnahmen der Drogenbekämpfung. Betroffen sind davon v.a. die armen Bevölkerungsgruppen. Die philippinischen Kirchen kritisieren diese Praktiken scharf. In der Argumentation der Regierung hingegen dienen die Maßnahmen dem Schutz der Bevölkerung. Die Rhetorik verharmlost jedoch die extreme Gewalt und ignoriert die Ursachen des Drogenproblems, die in starker sozialer Ungleichheit liegen. Fung kritisiert diese Vorstellung von Sicherheit im Rekurs auf biblische Texte und veranschaulicht, dass dort stets Friede die Grundbedingung von Sicherheit ist. Er parallelisiert die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit der biblischen Akteure mit den Menschen auf den Philippinen und begründet ihre Hoffnung in existenzieller Unsicherheit im Kreuz. Dabei drückt er zugleich die Erwartung aus, dass die gewaltlose Macht des Kreuzes ein Modell für Kirche und Staat sein kann. Der Begriff der menschlichen Entwicklung wird letztlich erweitert, da jede Sicherheit als in Gott gründend angenommen wird.

Für Europa reflektiert Michal Kaplánek die Frage nach Sicherheit im Kontext von Tschechien. Angesichts des derzeit vielfach diagnostizierten Verlusts von Sicherheiten geht er der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Kommunismus hier Ansätze zu Antworten liefern kann. Kaplánek stellt in Teilen von Kirche und Gesellschaft ein Sehnen nach verlorenen Traditionen und Sicherheiten fest. Tatsächlich gab es im Kommunismus die Erfahrung von Sicherheit, v.a. sozialer Sicherheit, da die Menschen zwar keinen großen Reichtum, aber doch ein sicheres Auskommen, Gesundheitsversorgung u.ä. hatten. Dies anerkennend erinnert er doch daran, dass es sich um eine Sicherheit auf Kosten der Freiheit handelte und er bezeichnet diese Art der Sicherheit als Totenruhe. Die Kirche tue nicht gut daran, wenn sie nach einer solchen Form der Sicherheit suche. Eine theologische Antwort auf die Sehnsucht nach Sicherheit muss vielmehr in der befreienden Erfahrung der Liebe Gottes ihren Ausgang nehmen und eine Sicherheit verkünden, die nicht in der umfassenden Absicherung, sondern im Vertrauen auf Verheißung Gottes gründet und dabei auch Ungewissheiten ertragen kann.

Abschließend nimmt Jude Lal Fernando mit einer koreanischen eine sehr spezifisch geprägte Perspektive ein. Er kritisiert ein reduziertes Konzept menschlicher Sicherheit, das dem Interesse neoliberaler Gouvernementalität entspringt und der Rechtfertigung militärischer Intervention dient, sowie eine Sicherheitspraxis, die, forciert von verschiedenen Ländern und einigen fundamentalistischen Kirchen, auf Trennung und Dämonisierung Nordkoreas aufbaut. Demgegenüber hebt er die versöhnende Praxis anderer Kirchen hervor, in denen die Idee des gerechten Friedens zum Ausdruck kommt. Darin werden trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten des Norden und des Südens hervorgehoben, und der Konflikt wird interpretiert im Gesamt weltweiter Interessen. Auf dieser Grundlage kann „menschliche Sicherheit“ in enger Beziehung zu Frieden und Gerechtigkeit redefiniert werden.

Das Theologische Forum vereint abschließend Beiträge zu drei Persönlichkeiten. Der erste erinnert an eine deutsche Ordensschwester und Ärztin, die sechzig Jahre lang in Pakistan gelebt und ihr Leben auf einzigartige Weise an Lepra erkrankten Menschen gewidmet hat – Ruth Pfau, auch bekannt als „Mutter Theresa“ von Pakistan. Ihre Liebe und Hingabe für die Ärmsten kannte keine Grenzen und überwand viele Arten von Barrieren. In Bezug auf das Thema unseres Heftes könnte man sagen, sie verkörperte eine von Gott gesandte menschliche Sicherheit für die, die ohne jede Sicherheit leben: die Leprakranken. Dass eine Katholikin in einem muslimischen Land – Pakistan – mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, spricht für sich und zeugt von ihrem universalen Geist und ihrer Con-Passion.

Die beiden anderen Personen waren anerkannte Mitglieder des Herausgeberkreises von Concilium – Claude Geffré und Gregory Baum. Sie waren getreue Anhänger unserer Zeitschrift in den frühen Jahren, und gestalteten bis zum Schluss die Zukunft der Zeitschrift mit Beiträgen, sowie mit Weisheit und Rat mit. Mit zwei etwas längeren Nachrufen möchten wie sie einerseits würdigen, andererseits aber auch von ihren Leben lernen, das selbst eine theologische Botschaft darstellt.

Zu guter Letzt danken wir allen, die zu diesem Heft beigetragen haben – den Autorinnen und Autoren; sowie jenen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern des Herausgeberkreises, die in Diskussionen und mit hilfreichen Anregungen die Ausrichtung und Ausführung dieses Heftes mitgestaltet haben.


Indice

Editorial

1. Fondamenti

Erny Gillen – Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen

Regina Ammicht-Quinn – „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit

2. Prospettive teologiche

Knut Wenzel – Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit

Rainer Kessler – „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel

Matías Omar Ruz – Iglesia y Seguridad en Argentina. Vaivenes de un vínculo controvertido

3. Insicurezza, potere e violenza

Jojo Fung – An emerging Theology of Human Security: the Philippine Context

Pilar Mendoza – El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades

Elias Omondi Opongo – Insecurity & Violence and Impact on Human Security

Michal Kaplánek – Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit

Jude Lal Fernando – Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace

4. Forum teologico

Harald Meyer-Porzky – In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017)

Bruno Demers – Claude Geffré o.p.

Solange Lefebvre // David Seljak – Gregory Baum, Pioneer of ecumenism and dialogue (1923-2017)


Abstracts

Erny Gillen – « Menschliche Sicherheit ethisch aufladen und politisch nutzbar machen ». Der menschliche Sicherheitskomplex (MSK) muss in ein größeres Ganzes eingebunden sein, damit er seine Kraft für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Institutionen entfalten kann. Die innere Spannung zwischen menschlicher Sicherheit und Freiheit wird dann nutzbringend erhalten bleiben, wenn es gelingt, ihn ethisch aufzuladen und praktisch mit Leben zu füllen. Nur so wird er Eingang in den politischen Diskurs und das politische Handeln erhalten.

Regina Ammicht-Quinn – « „Ein feste Burg ist unser Gott“: Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit ». Sicherheit ist ambivalent. Sie ist nach wie vor von höchster Bedeutung: Ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich. Bei der Sicherheitsplanung werden jedoch in anderen Bereichen Einschränkungen vorgenommen. Die heutigen Sicherheitswünsche, -strategien und -aktionen auf säkularer Ebene haben ihren eigenen religiösen Hintergrund. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir Religion auch als Leitfaden für ein besseres Sicherheitsmanagement verstehen.

Knut Wenzel – « Zwischen Angst und Fülle. Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundlegende Ambivalenz des Wunsches nach oder der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Neuinterpretation ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Rainer Kessler – « „Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jesaja 32,17). Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel » : “Sicher sein ist beängstigend”: Banu Cennetoğlus Installation auf der Documenta 14 2017 offenbart eine grundsätzliche Ambivalenz des Wunsches nach bzw. der Realität von Sicherheit. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz ist der zentrale Grund, warum es Theologie gibt. Eine Theologie der Sicherheit wird in erster Linie das Bedürfnis vom Diskurs der Sicherheit unterscheiden und die Priorität des Bedürfnisses gegenüber dem Diskurs betonen. Sie wird zweitens argumentieren, dass aufgrund dieser Unterscheidung eine breitere, relativ unbestimmte Perspektive auf das menschliche Bedürfnis erlangt wird, die seine Umdeutung ermöglicht. Infolgedessen und schließlich wird gezeigt, dass ein biblisch begründeter Schlüssel zu diesem Bedürfnis nicht der einer knappen Ressource der Sicherheit, sondern der der Fülle wäre – geschöpft aus der theologischen Kontinuität von Schöpfung und Gnade.

Jojo N. Fung – « An Emerging Theology of Human Security: the Philippine context » : Human security is a concept that involves the systematic protection and promotion of fundamental freedoms and community processes in favor of the survival of vulnerable people. An emerging theological idea emphasizes God as the source of human security. Any violation of personal dignity demands political action to counter it.

Pilar Mendoza – « El desplazamiento forzado en Colombia: la pérdida de todas las seguridades » : El fenómeno del desplazamiento forzado de grupos enteros en Colombia sigue creciendo a pesar de la firma del acuerdo de paz entre el gobierno y la guerrilla de las FAAC. El desplazamiento conlleva la pérdida de los hogares y también de la seguridad existencial: los vínculos emocionales, sociales y culturales. Sin embargo, esto ha generado una reorganización de la sociedad en forma de resistencia y supervivencia al riesgo, transformando a las víctimas de este flagelo en actores del cambio.

Elias Omondi Opongo – « Insecurity & Violence and Impact on Human Security » : poverty and armed violence, among other factors, are causing dire human and national security challenges for Africa. There exist many opportunities for countries in Sub-Saharan Africa to strengthen economic well-being and address armed violence, thereby redressing the challenge of human insecurity. Of particular concern are the unemployed youth who are mostly vulnerable to recruitment to militia and terrorist groups. In this regard, governments should significantly expand the formal private sector, which remains underdeveloped in most African countries as this will facilitate much higher levels of investment in the economies and so generate employment and economic growth. Equally, governments need to strengthen and expand service delivery in education and health sectors, particularly in most marginalized regions.

Michal Kaplánek – « Von bescheidener Sicherheit zu unsicheren Freiheit » : Die europäische Gesellschaft ist in den letzten Jahren gespalten, im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Zum besseren Verstehen dieses Phänomens bietet der Autor eine Reflexion über den schwierigen Weg der postkommunistischen Gesellschaften von einer „bescheidenen Sicherheit“ des sog. realen Sozialismus zu einem demokratischen politischen System, das aber voll von Unsicherheiten ist. Heutzutage schaut es so aus, als ob manche Christen lieber auf Freiheit und Barmherzigkeit innerhalb der Kirche verzichten würden als eine Verunsicherung zuzulassen. Die gegenwärtige Polarisierung wird interpretiert als ein Konflikt zwischen Materialismus und Postmaterialismus im Sinne Ingleharts. Während sich die Materialisten im Staat und in der Kirche nach den herkömmlichen Sicherheiten sehnen, glauben die Postmaterialisten viel mehr an die positive Wirkung und an die Zukunft der Demokratie. Es gibt auch Katholiken, die Ihre Sicherheit in der Fixierung auf die Beibehaltung der vergangenen Formen der Liturgie und der binnenkirchlichen Umgangskultur sehen. In diesem Kontext stellt die Evangelisierung für den Autor keinen Weg zurück zu den Sicherheiten von gestern dar, sondern umfasst die Öffnung neuer Horizonte.

Jude Lal Fernando – « Rethinking Human Security in the Korean Peninsula: Practicing Just Peace » : In the inter-Korean conflict, stability and security in the region are the ultimate goal of competitive national security paradigms. The growing militarization of the region, however, may trigger a catastrophe without precedent. The article emphasizes joint efforts to build peace.

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Regina Ammicht-Quinn – « “Ein feste Burg ist unser Gott”. Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit »

„Sicherheit“, so der amerikanische Psychologe des letzten Jahrhunderts Abraham Maslow, ist ein Grundbedürfnis, das gleich nach den Bedürfnissen von Atmung, Schlaf und Nahrung kommt.[1] Dieses Grundbedürfnis wird heute fraglich:

Zum einen sind die katastrophalen Ungleichheiten der Welt dort zugespitzt sichtbar, wo es um Sicherheit geht – Sicherheit für Leib und Leben und Überleben. Nur ein wenig Sicherheit wolle sie, so hören wir die Mutter aus Damaskus, deren schlafendes Baby durchs Fenster von einem Bombensplitter getötet wurde. 

Zum anderen ist Sicherheit insbesondere in den sicheren Ländern des Nordens zu einer dominanten Frage geworden, sodass hier das Leben der Bürger_innen gerade durch Sicherheitsmaßnahmen beschädigt werden kann. 

Sicherheit also ist nötig. Und Sicherheit ist nicht einfach „gut“. 

„Entsicherung“ ist für den Soziologen Wilhelm Heitmeyer in der letzten Folge seiner Langzeitstudie über „Deutsche Zustände“ (die durchaus exemplarisch für mitteleuropäische Länder sind) eines der prägenden Symptome des Jahrzehnts 2002-2012.[2] „Entsicherung“ heißt nicht notwendig der Verlust an objektivierter Sicherheit, wohl aber ein Verlust an Vertrauen. Signalereignisse wie der 11. September, die Finanzmarkt- und Schuldenkrise, aber auch gefühlte Zustände wie Kontrollverlust, Beschleunigung und kulturelle/politische Richtungslosigkeit führen, so Heitmeyer, zu dieser „Entsicherung“. „Entsicherung“ heißt aber auch: Weltweit sind heute mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als die Hälfte davon als Vertriebene innerhalb ihres Heimatlandes. Diese massive Unsicherheit, die Menschen aus ihren Heimatländern treibt, wird in den aufnehmenden Gesellschaften des Nordens wiederum von manchen der Einheimischen als Verunsicherung wahrgenommen. Geflüchtete sind in der erhofften Sicherheit mit neuen Unsicherheiten konfrontiert, die sich auf ihr Bleiberecht und ihre Zukunft, ihre Alltagsbewältigung, das Schicksal der Zurückgebliebenen und vieles mehr bezieht. In den Aufnahmeländern gibt es (neue) Akteur_innen im rechten politischen Spektrum, eine grundlegende Verschiebung der politischen Landschaft und neue „Signalereignisse“ wie die Terroranschläge in Europa: All dies verstärkt und verändert die Wahrnehmung von Sicherheit und Unsicherheit. Sicherheit wird zum gesellschaftlichen Auftrag, zu einem manchmal regressiven Sehnsuchtsbegriff und zugleich zu einem unlösbaren Problem: Welche Sicherheit? Wie viel Sicherheit? Sicherheit für wen? Sicherheit vor wem?


[1] Abraham Maslow (1954): Motivation and Personality. New York: Harper and Brothers. (Dt. Ausgabe: Motivation und Persönlichkeit. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 12. Aufl. 1981.)

[2] Wilhelm Heitmeyer (2012): Deutsche Zustände. Folge 10. Berlin: Suhrkamp.

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Deutsch: Weisheit der Völker – Theologie des Volkes
Italiano: Sapienza e teologia del popolo
Português: Sabedoria e teologia do povo
Français: Sagesse et théologie du peuple
Español: Sabiduría y teología del pueblo
中國人: 人民的智慧和神學
English: Wisdom and People’s Theology

Nancy Pineda Madrid – « In Light of the People: Theologizing in Our Time »

1. Interrogating the subject presumed

On behalf of whom do we theologize?  The weightiness of this question deserves attention regularly if theology is to remain prophetic and honest.  Yet responding is no easy task. If, as liberation theologies have established, oppressed people hold a privileged place among the people of God, then it follows that all forms of liberation theology advocate on behalf of some group of oppressed people, and, in so doing, seek to advance a more just world to the benefit of this particular group and all other human beings. To advocate for an oppressed people requires a conversion on the part of the theologian. Conversion necessitates a turning toward the oppressed group intellectually, affectively, and in terms of our praxis. Thus, for theologians to make an option for the oppressed means choosing to take up the cause of the oppressed, and, in solidarity, struggling alongside the oppressed in their endeavors for greater justice. Almost always, such a struggle leads down a path of great personal sacrifice, sometime to the point of a martyr’s death.[1]

To ask the question, ‘on behalf of whom do we theologize?’ we must first consider our own positional relationship to the oppressed people.  There is a crucial difference between, on the one hand, advocating on behalf of an oppressed group to which one has never belonged but to which one is deeply committed, a visionary position, and, on the other hand, advocating on behalf of an oppressed group to which one belongs by virtue of an accident of birth, a materialist position. While theologians in both positions have made an option for the oppressed group, what this option means is distinct for each.  That said this distinction serves primarily a heuristic purpose since many theologians do not consistently belong in only one of these positions.

Theologians occupying the visionary position seek to subvert the sinful, hegemonic paradigm that tears down the humanity of the oppressed group.  The visionary is theologically committed to the transformation of the oppressed group’s limited and limiting condition.   Even so, for a visionary, the choice to take up the cause of the oppressed group is a free option, in most cases, an altruistic option.  For example, almost all Latin American liberation theologians have the freedom to choose to walk with the economically poor or not to do so.  This choice remains a free choice always. By global standards, most of these theologians are not economically poor. Their education and other factors mean that they are not forced to experience the world as a poor person.  This holds true, even if a theologian chooses to live an extremely simple life.  Because the option for the poor (or for another oppressed group) is a free choice, the visionary can presume — unintentionally, inadvertently, and unconsciously — a distorted image of the poor as discussed below.  Those in the visionary position are wise to heed Roberto Goizueta’s caution: ‘The struggle for social justice will, in the long run, simply perpetuate the dehumanization of poor persons if not undertaken together with poor persons.’[2]

In contrast, theologians in the materialist position know the world in and through the life experience that comes with being born a member of an oppressed group. These theologians have the experience of repeatedly facing situations that reinforce the worldview that as a woman, a person of color, a LGBTQ[3] person, and/or a poor person, she or he is of a lesser humanity than their privileged counterpart.  Upon reflection, such experiences may provoke a critical awareness of how social structures collude in oppressing particular groups of humans.  For example, black theologians and feminist theologians write theology not only with a critical awareness of how social structures collude to oppress but also with a recognition that most blacks and most women must work to overcome a deeply internalized self-alienation.  For materialist theologians, taking up the cause of the oppressed, of which they are a part, means writing theology that supports greater self-respect and self-identification in a world in which these are always under threat. Note too that blacks and women are socialized to be less trusting of people like themselves, and much more respectful toward white men, in fact, to identify with white men. Of course, this socialization breeds an internal cognitive dissonance, a self-alienation. For materialist theologians, this dissonance is not optional but a given. Whether one chooses to engage it, or not, has serious, unavoidable consequences. In addition to addressing this dissonance, the materialist theologian then makes a choice to write theology that challenges the oppression they know in the most intimate and personal way, in other words, to make an option for the oppressed.  

To press the point further, for decades a number of theologians from Latin America – for example, Ivone Gebara, Marcella María Althaus-Reid, Virginia Raquel Azcuy, María Pilar Aquino, among others — have highlighted the ways in which most of Latin American liberation theology has failed in its option for poor through its refusal to take gender seriously.[4]  After all, a disproportionate number of the poor in Latin America are women and children. Among others, Gebara, Althaus-Reid, Azcuy, and Aquino, rightly recognize that much of liberation theology far too often ends up privileging the idea of the poor more than poor people. As such, much of the discussion about the poor reflects a stagnant, tenacious, androcentric consciousness.[5] The option for the poor, then, becomes more of a romantic abstraction, one that glosses over, erases, and renders alien the historical experience of actual poor people themselves.  The constant challenge for liberation theology is to figure out how to stay grounded in the concrete lives of poor people. 

Alternately, if grounded in the lives of poor people, liberation theology would not ignore the violence against women or simply tag it onto an already long list of concerns.  The brutal assassinations of women known as feminicides have sharply escalated in recent decades in Latin America as well as around the globe.[6] Female victims of this violence summon us to see a truth that demands a radically transformed liberation theology.  Ironically, Jon Sobrino’s words rightly advise, ‘Imprisoning the truth by injustice is the fundamental sin of individuals and also of the nations. Many evils derive from it: among others, the darkening of the heart. A light whose power is capable of unmasking lies is very beneficial and very necessary. This is the light offered by the crucified people.’[7]  Feminicides illustrate the utterly crucial need for theologians in the materialist position.  

If we are to speak of the people, then, integrity requires that our theologizing recognize the primacy and necessity of focusing our attention on the material level, namely the physical condition of the bodies of poor persons. Theology can no longer afford to slip into an abstract construct of poor persons because doing so easily leads to a tacit acquiescence to the abuse of power, in other words, evil.  As theologians, we must remain vigilant about confronting our scotosis, the ways in which our own group interests function to limit our intelligence and circumscribe the range of our insight. Short of this vigilance, the theology we write will likely betray our endeavors to seek justice for victims and to advance human flourishing.


Notes

[1] I wish to express my gratitude to Dr. Francine Cardman, Dr. Neto Valiente, and Dr. Mary Jo Iozzio for their insightful suggestions on an earlier draft of this essay.

[2] R. S. GOIZUETA, Caminemos Con Jesús: Toward a Hispanic/Latino Theology of Accompaniment, Maryknoll, NY: Orbis Books, 1995, p. 207.

[3] LGBTQ stands for Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer. 

[4] See for example: I. GEBARA, Out of the Depths: Women’s Experience of Evil and Salvation, Minneapolis, MN: Fortress Press, 2002; M. M. ALTHAUS-REID, ‘¿Bién Sonados? The Future of Mystical Connections in Liberation Theology’, Political Theology, 3 (2000); V. R. AZCUY, ‘Una Expresión de un Signo de Estos Tiempos: Mapas de Teología Feminista Cristiana’, in V. R. AZCUY, N. E. BEDFORD, y M. L. GARCÍA BACHMANN (eds), Teología Feminista a Tres Voces, Santiago de Chile: Ediciones Universidad Alberto Hurtado, 2016; M. P. AQUINO, Our Cry for Life: Feminist Theology from Latin America, Maryknoll, NY: Orbis Books, 1993; M. P. AQUINO and M. J. ROSADO-NUNES (eds), Feminist Intercultural Theology: Latina Explorations for a Just World, Maryknoll, NY: Orbis Books, 2007. 

[5] M. M. ALTHAUS-REID, ‘¿Bién Sonados? The Future of Mystical Connections in Liberation Theology’, Political Theology, 3 (2000), 60.

[6] R. L. FREGOSO and C. BEJARANO (eds), Terrorizing Women: Feminicide in the Americas, Durham, NC: Duke University Press, 2010.

[7] J. SOBRINO, Witness to the Kingdom: The Martyrs of El Salvador and The Crucified Peoples, Maryknoll, NY: Orbis Books, 2003, p.160.

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