Harald Meyer-Porzky – « In Erinnerung an Ruth Pfau »

Harald Meyer-Porzky – « In Erinnerung an Ruth Pfau (1929-2017) »

Am 10. August 2017 verstarb Dr. Ruth Pfau, die Ehrenbotschafterin der weltweiten Lepraarbeit der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. , im Alter von 87 Jahren in Pakistan. Mit einem Staatsbegräbnis und Trauerbeflaggung im ganzen Land hat die islamische Republik Pakistan ihr in Karatschi die letzte Ehre erwiesen. Mehr als 3.000 Menschen kamen zur bewegenden Trauerfeier und Beisetzung. Zu den Trauergästen zählten neben dem Premierminister weitere hohe Würdenträger des pakistanischen Staates und aller Religionsgemeinschaften. Egoismus und Abschottung, die politisch und gesellschaftlich wieder salonfähig werden, hat Dr. Ruth Pfau eine deutliche Botschaft entgegengesetzt: „Menschlichkeit zuerst!“ Sie hat sich nie abgewendet, nie aufgegeben. Ihr Tod bedeutet für alle, die sie kannten, einen großen Verlust und hinterlässt eine tiefe Trauer. 

Die deutsche Ärztin und Ordensfrau wurde am 9. September 1929 in Leipzig geboren. Mit 20 Jahren ging sie über die grüne Grenze nach Westdeutschland, wo sie später in Mainz und Marburg Medizin studierte. Die Suche nach einer bestimmenden Kraft in ihrem Leben führte Ruth Pfau weg von der Oberflächlichkeit der wirtschaftlich aufstrebenden Bundesrepublik hin zur Tiefe des christlichen Glaubens. 1953 ließ sie sich evangelisch taufen, konvertierte später zum katholischen Glauben und trat 1957 dem Orden der „Töchter vom Herzen Mariä“ bei. 1960 entsandte ihr Orden sie nach Asien. Eigentlich sollte sie als Gynäkologin nach Indien gehen, doch Visa-Probleme zwangen sie zu einem längeren Zwischenhalt in Karatschi. Dort ging sie auch in die Armenviertel. Ausgestoßen und zum Sterben verdammt lagen dort unzählige ausgehungerte und von Lepra entstellte Menschen auf den Straßen. „Der Mensch hat ein Recht auf Würde und Glück. Er ist nicht dazu geboren, im Schmutz zu leben“, entfuhr es Dr. Ruth Pfau. Sie entschied spontan, bei diesen Menschen zu bleiben und sagte: „Dies ist der Platz, zu dem Gott mich geführt hat.“

Fast 60 Jahre lang hat sich die Ärztin kämpferisch für Kranke und Ausgestoßene in Pakistan eingesetzt. Mit Unterstützung der DAHW baute sie in den 1960er Jahren in Karatschi mit dem Marie Adelaide Leprosy Center (MALC) eine moderne Spezialklinik auf. Aus dem MALC wurde eines der bedeutendsten Hilfswerke Pakistans, mit einem flächendeckenden und bis heute funktionierenden Netz von Lepra- und TB-Stationen. Aus der katholischen Ordensfrau Dr. Ruth Pfau wurde eine international bekannte und vielfach ausgezeichnete Persönlichkeit, die in der islamischen Republik Pakistan 1979 zur Ehrenbürgerin und nationalen Beraterin für Leprafragen im Rang einer Staatssekretärin ernannt wurde.

Erst am 30. Mai 2017 hatte Sr. Dr. Ruth Pfau in Karatschi vor ihrer Vize-Provinzoberin Sr. Niwa Sawako die Ewigen Ordensgelübde abgelegt, denn die Ordensmitglieder können auch eigene Verpflichtungen im beruflichen und gesellschaftlichen Leben eingehen und aufrechterhalten. So werden die Schwestern erst dann zur Ewigen Profess zugelassen und eingeladen, wenn sie keine solchen Bindungen mehr haben. Sr. Dr. Ruth Pfau hatte durch ihr Engagement in der Lepraarbeit und durch die Leitung der Arbeit im/des MALC, Karatschi bisher noch nicht diesen Status erreichen können und daher immer wieder ihre zeitlichen Gelübde für die Dauer von fünf Jahren erneuert. Nachdem sie ihre Verantwortung vollständig an Mervyn Lobo und das Team übertragen hatte, war sie frei genug geworden, um sich ganz dem Orden und ihrer Oberin zur Verfügung zu stellen. 

Mervyn Lobo, heutiger Geschäftsführer des Marie Adelaide Leprosy Centre (MALC) sagt über Dr. Ruth Pfau: „Sie war eine lebende Legende, die treibende Kraft hinter dem Lepra-Kontrollprogramm in Pakistan. Eine Frau, die aus Deutschland kam, blieb, half und nicht nur das Leprabakterium kontrollierte/einschränkte, sondern die Herzen hunderter und tausender Menschen weltweit berührte. Wir würden sie nicht die Mutter Teresa von Pakistan nennen, sondern wir möchten, dass sie als Sr. Dr. Ruth Pfau von Pakistan bekannt ist.“ Und zu ihrer Bedeutung für das Lepraprogramm: „Deutschland hat eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der Lepra in Pakistan erlangt. Es gab die DAHW in Deutschland und in Pakistan Dr. Ruth Pfau und die pakistanische Regierung. Dr. Pfau bildete die Brücke zwischen der DAHW und Pakistan. Ihre Bemühungen, ihre Ziele und ihre Art und Weise, sie anzugehen, all das wurde sehr unterstützt von ihren Freunden in Deutschland, durch die DAHW. Bedeutsam ist auch, wie die Lepraarbeit bei uns angelegt wurde. Dr. Pfaus Ansatz war der, dass sie nicht einfach die Lepra der Patienten behandeln wollte. Sie sagte, dass Leprapatienten Individuen seien – Menschen, die sie heilen wolle: ihr mentales Trauma, ihre körperlichen Wunden, sie wollte sie rehabilitieren und psychologisch beraten – das ist ein sehr ganzheitlicher Ansatz.“

Mehr als 50.000 Menschen wurden in Pakistan dank Dr. Ruth Pfau von Lepra geheilt. Für ihre aufopfernde Arbeit, auch bei der Nothilfe nach Erdbeben oder Flutkatastrophen, hat sie zahlreiche Anerkennungen erfahren, darunter den Marion-Dönhoff-Preis, den Klaus-Hemmerle-Preis, den Albert-Schweizer-Preis, den Damian-Dutton-Award, den Ramon-Magsaysay-Award, den pakistanischen Lifetime-Achievement-Award sowie den deutschen Fernsehpreis Bambi als „Stille Heldin“. 

Dr. Ruth Pfau baute durch ihre gelebte Nächstenliebe und ihre Nähe zu allen Menschen Brücken zwischen Kulturen und Religionen. Bis zu ihrem Tod setzte sie sich für Menschenrechte, Völkerverständigung und die Achtung aller Religionen ein. Ihr stetiges Eintreten für die Gleichstellung der Frauen in einer stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft und für die Überwindung der Ausgrenzung der von Lepra betroffenen Menschen fand weltweit Anerkennung.

Die im Glauben getragene „Krisenmanagerin“ hat es sich bis zum Schluss nie nehmen lassen, „ihre“ Patienten zu besuchen, Mut zu machen, Trost zu spenden, Hände zu halten, sie zu umarmen und ein paar Worte auf Urdu zu wechseln. Nah dran sein, Teilhabe zeigen, das ist es, was für Dr. Pfau letztendlich den Wert ausmachte. Das ist es, was ihre „Glaubwürdigkeit“ ausmachte. Bis zum Schluss war sie eine Kämpferin, die sich schützend vor ihre Patienten stellte, wenn dies notwendig war. Und es war häufig notwendig: Vielen Menschen gilt Lepra auch heute noch als „Strafe Gottes“, und Stigma und Ausgrenzung gehen mit der Krankheit einher. Für ihr Team ist „Sr. Dr. Ruth Pfau von Pakistan“ eine Heilige, deren Leben und Wirken niemals vergessen werden wird.

Dr. Ruth Pfau hat nie missioniert, jedoch immer als Vorbild gehandelt. Und nie hat sie jemanden danach beurteilt, welcher Religion er angehörte. Im Gegenteil, das Zusammenleben der verschiedenen Religionen in ihrem Team war ihr immer eine große Freude. Gerne beschrieb Dr. Ruth Pfau, wie es ihr in den Anfängen gelungen war, sich bei den staatlichen Stellen, den Entscheidern Zugang und Gehör zu verschaffen. Es war in Pakistan einfach nicht denkbar und damit auch nicht vorgesehen, dass Frauen persönlich in Ämtern und Ministerien vorstellig wurden. Nachdem Ruth Pfau einmal die Erfahrung gemacht hatte, dass es deswegen auch keine Wartebereiche für Frauen gab und man sie, damit sie nicht als Frau in den Fluren dieser Männerwelt stand, unmittelbar vorließ, wurde dies zur Methode. Gern erschien sie mit mehreren Mitschwestern, um den Druck noch ein wenig zu erhöhen. Hinzu kamen, dass sie Menschen nicht nur mit ihrer Empathie sondern auch mit ihrem scharfen Verstand zu gewinnen wusste. Aus vielen Erzählungen über Ruth Pfau weiß man, dass sie nach einiger Zeit ein gern gesehener und geschätzter Gast und Gesprächspartner bis in höchst Regierungskreise wurde.

Auch Ruth Pfau war bewusst, dass das Militär eine wichtige stabilisierende Rolle in der politisch zu jeder Zeit unruhigen Republik Pakistan darstellte. Und wer einmal erlebt hat, wie respektvoll Militärs, unabhängig vom Rang, mit ihr umgingen, spürte, dass man in Ruth Pfau wohl eine ähnlich starke, stabilisierende Kraft sah. 

Niemandem in Pakistan entging ihr anhaltendes Engagement für die Menschen in Afghanistan, wo sie mit ihrem Team erfolgreich Armutskrankheiten wie Lepra und Tuberkulose bekämpfte. Auch hier ließ man sie gewähren, schätze ihren Einsatz. Weder das russische Militär noch die Taliban hinderten sie an ihrer Arbeit. Und als sie sich später um die zahllosen afghanischen Flüchtlinge kümmerte, die in Pakistan zusammengepfercht in gigantischen Lagern nur widerwillig geduldet werden, wurde auch das unterstützt. Sr. Dr. Ruth Pfau von Pakistan ist es als engagierter Christin und Ordensfrau gelungen, das islamische, von Männern dominierte Pakistan für sich zu gewinnen. Ob im karg besiedelten hohen Norden oder im Großstadtmoloch Karatschi: den Namen Ruth Pfau sprechen die Menschen mit Respekt und Ehrerbietung aus. Sie hat bewiesen, dass es möglich ist, trotz der verschiedenen Religionen friedlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam ein Land zu verändern.

Oft wurde sie gefragt, wie sie die Ungerechtigkeiten der Welt aushalte, all das Leid welches sie täglich sah, und nicht selten war mit dieser Frage der kritische Zweifel des Fragenden verbunden, wie denn so etwas vor Gottes Augen möglich sei. Eines der vielen von Ruth Pfau überlieferten Zitate lautet: „Weitermachen ist sinnlos, aber aufhören ist noch sinnloser. Also machen wir weiter!“ Ruth Pfau hat mit dieser Haltung hunderttausenden Menschen ein Leben in Würde ermöglicht. In einem der zahlreichen Interviews mit ihr sagte sie, dass sie für die ganz schlimmen Dinge ihre eschatologische Liste habe. Eschatologie bedeute, Leid in der Gewissheit ertragen zu können, dass Gott die Menschen einmal erlösen werde. Alles, was für sie zu unvorstellbar grausam und völlig unerklärlich sei, komme auf diese Liste. Das Problem sei nur, dass diese Liste voll sei. Doch gegen Ende ihres Lebens schien sie mit sich und Gott mehr und mehr im Reinen zu sein, und es wirkte, als ob sie diese ihre Liste wohl nicht mehr abarbeiten müsste.

Beeindruckend wie ihr ganzes Leben ist ihre letzte Botschaft an die Welt, die sie über das Smartphone ihres Nachfolgers Mervyn Lobo übermittelte: „Ich bin immer noch überzeugt, es gibt nur einen Weg aus unseren heutigen Schwierigkeiten, und das ist, dass wir wieder lernen einander zu lieben. Das ist so einfach und so schwierig.“Es ist wohl genau diese Einfachheit und Klarheit der Botschaft und Haltung, die alle Menschen das Kämpfen um den „richtigen“ Glauben vergessen lässt.