R. Wielandt – Barmherzigkeit im Koran

2. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes

Für Muslime ist die Zugehörigkeit zur wahren Religion vor dem Richterstuhl Gottes nach Darstellung des Koranschon einmal ein gewichtiger Vorteil. Sie sichert ihnen aber noch nicht das Paradies, denn auch in ihrem Fall setzt die Barmherzigkeit Gottes dessen Gerechtigkeit nicht außer Kraft. Ihr jenseitiges Schicksal entscheidet sich vielmehr an dem genauen Verhältnis zwischen guten Taten und nicht rechtzeitig bereuten Sünden, das sie am Jüngsten Tag vorzuweisen haben. 

Dieser wird als ein Tag der peinlich genauen „Abrechnung“ (ḥisāb) Gottes mit den Menschen beschrieben, bei der ihnen ein im Himmel geführtes Register ihrer guten und bösen Taten in die Hand gelegt wird – in die rechte bei Anwärtern für das Paradies, in die linke bei künftigen Hölleninsassen.[17] Mehrfach ist auch davon die Rede, dass am Jüngsten Tag die guten und die bösen Taten jedes einzelnen Menschen mittels einer Waage gegeneinander abgewogen werden; wessen gute Taten sich als schwerer erweisen, der kommt Paradies, wessen schlechte das Übergewicht haben, in die Hölle.[18]

Vereinzelt finden sich im Koran Aussagen, die isoliert betrachtet so verstanden werden könnten, dass bei diesem hochnotpeinlichen Abrechnungs – oder Abwiegevorgang die Barmherzigkeit Gottes doch noch ein Stück weit ins Spiel kommt. So wird über die Art und Weise, wie der göttliche Richter Lohn oder Strafe zumisst, einmal erklärt: „Wenn es eine gute Tat ist, vervielfältigt er sie.“[19] Gelegentlich wird den Gläubigen auch das Tun des Gebotenen als ein gutes „Darlehen“ empfohlen, das sie Gott im Diesseits geben können und das er ihnen dann in Gestalt vervielfachten jenseitigen Lohns zurückgeben wird.[20] Solchen Aussagen stehen freilich andere gegenüber, denen zufolge Gott dann auch für Übeltaten vervielfältigte Strafen verhängt.[21] Nimmt man beides zusammen, ist damit nicht gesagt, dass im Jüngsten Gericht das getane Gute grundsätzlich stärker zu Buche schlagen wird als das getane Böse. Solche punktuellen Hinweise auf Abweichungen vom Prinzip des genauen Abrechnens oder Abwiegens können also zwar die Motivation der Adressaten des Koran zum Tun des Guten und zur Vermeidung des Bösen verstärken; sie lassen sich aber im Gesamtkontext koranischer Gerichtsschilderungen nicht dahingehend interpretieren, dass am Jüngsten Tag letztlich doch die Barmherzigkeit Gottes die Oberhand über dessen Gerechtigkeit behalten würde.

Die koranische Vorstellung vom Jüngsten Gericht ist von dem Gedanken beherrscht, dass Gott dabei mit unerbittlicher Gerechtigkeit urteilt und jedem einzelnen Menschen genau das zuteilt, was er sich selbst durch die Art seines Verhaltens eingehandelt hat. Dieser Gedanke kommt z. B. in Formulierungen wie den folgenden zum Ausdruck: „Wenn einer auch nur das Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen, und wenn einer auch nur das eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es (sc. ebenfalls) zu sehen bekommen.“[22] oder „ … dann wird jedem voll gegeben, was er sich erworben hat, und ihnen geschieht kein Unrecht.[23]

An etlichen auf das Jüngste Gericht bezogenenStellen wird Gottes Barmherzigkeit allerdings als jenseitiger Lohn für rechten Glauben und rechtes Handeln verheißen. Eine davon lautet: „Was nun diejenigen betrifft, die gläubig waren und gute Werke getan haben, so lässt sie ihr Herr in seine Barmherzigkeit eingehen.“[24] Eine andere erklärt über das jenseitige Geschick, das die redlichen Gläubigen einerseits und die Heuchler andererseitserwartet: „… eine Mauer mit einem Tor wird zwischen sie gesetzt. Innerhalb von ihr ist die Barmherzigkeit und draußen vor ihr die (sc. Höllen‑)Qual.[25] Eineweitere sagt voraus, dass am Jüngsten Tag diejenigen, die vom Glauben abgefallen sind, mit finsterer Miene dastehen und die Höllenstrafe angekündigt bekommen, während die Gläubigen mit strahlenden Gesichtern auf ewig „in die Barmherzigkeit Gottes“ eingehen.[26] Die Barmherzigkeit steht hier also für den Zustand nach günstigem Ausgang des Jüngsten Gerichts, und zwar als verdienter jenseitiger Lohn. So verstanden widerspricht sie der strikten Gerechtigkeit Gottes nicht.

Dasselbe gilt für die im Koran häufig erwähnten innerweltlichenErweise göttlicher Barmherzigkeit, die durch ihren Kontext als Lohn für rechten Glauben und rechtes Handeln erkennbar sind. In ihren Genuss kamen nach Darstellung des Koran viele fromme Persönlichkeiten aus der früheren Heilsgeschichte, vor allem Propheten und deren Anhänger,wenn sie unter persönlichen Kümmernissen litten oder von ihren Gegnern in Bedrängnis gebracht wurden.[27] So wird es z. B. mit der Barmherzigkeit Gottes erklärt, dass Noah und die Seinen mittels der auf Gottes Geheiß gebauten Arche der Sintflut entkamen,[28] dass die Engel der hochbetagten Sarah noch Mutterfreuden ankündigen konnten,[29] dass Mose und die Israeliten sicher durch das Rote Meer ziehen konnten, während Gott ihre Verfolger ertrinken ließ,[30] oder dass Gott die arabischen Propheten Hūd und Šuʿayb mitsamt denen, die ihrer Botschaft glaubten, den bösartigen Nachstellungen ihrer Gegner entriss.[31]

Weder in solchen koranischen Begnadungs- und Errettungsgeschichtennoch in den Gerichtsschilderungenwird die Barmherzigkeit Gottes als grundlos und bedingungslos dargestellt. Ihre Erwähnung vermittelt vielmehr in beiden Zusammenhängen dieselbe Botschaft: Wer glaubt und das Rechte tut, der darf auf Gottes Barmherzigkeit hoffen. Auf sie hoffen dürfen allerdings auch die Sünder. An sie ist das ermutigende Wort aus Sure 39, 53 gerichtet: „Gebt nicht die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes auf!“ Sie sollen darauf vertrauen, dass Gott, wie er versprochen hat, barmherzig und stets zum Vergeben bereit ist, und deshalb rechtzeitig den für den Ausgang des Jüngsten Gerichts so wichtigen Schritt der Umkehr tun. 

Hoffnung auf Barmherzigkeit Gottes im Jüngsten Gericht besteht jedoch nur sehr eingeschränkt: Man kann hoffen, dass Gott einzelne Sünden, zu deren Bewertung im Koran nichts Genaues gesagt ist, milder gewichtet, als zu befürchten stand, und dass er über Sünden, die vielleicht unbewusst begangen wurden und deshalb nicht bereut werden konnten, großzügig hinwegsieht, was seiner Gerechtigkeit nicht widerspräche – mehr aber auch nicht. Ansonsten stimmt der Koran die Gläubigen darauf ein, dass sie am Jüngsten Tag vor einem göttlichen Richter stehen werden, der seine Gerechtigkeit mit unerbittlicher Konsequenz zum Tragen bringt. In der eschatologischen Dimension bleibt also das Spannungsverhältnis zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes bestehen. 

Das zeigt gerade auch die Koranstelle, mit deren Interpretation der an einer deutschen Universität lehrende muslimische Theologe Mouhanad Khorchide geglaubt hat, es auflösen zu können: Er zitiert aus Sure 7, 156 diedort als Aussage Gottes angeführten zwei kurzen Sätze„Mit meiner Strafe treffe ich, wen ich will, und meine Barmherzigkeit umfasst alles.“[32] Aus der Kombination beider folgert er logisch, wenn Gottes Barmherzigkeit alles umfasse, dann auch die über Ungläubige und Sünder verhängte Höllenstrafe. Folglich könne die Höllenstrafe nur eine von Gott aus Barmherzigkeit verhängte befristete Erziehungsmaßnahme sein, aus der er die Verdammten irgendwann wieder entlassen werde, und zwar ins Paradies.[33] Die interpretierte Textstelle gibt jedoch ein solches Verständnis in Wirklichkeit nicht her, wie der Kontext bei näherer Betrachtung zeigt:

Gott spricht diese beiden Sätze dort als Antwort auf die Bitte von Mose, den Israeliten wegen der schlimmen Entgleisung mit dem goldenen Kalb die ewige Seligkeit nicht zu verwehren, sondern ihnen diese Sünde zu verzeihen. Es geht also – genau wie an der einzigen anderen Koranstelle, an der die Formulierung von der alles umfassenden Barmherzigkeit Gottes auftritt[34] – darum, dass Gott Sündenvergebung nach dem gravierendsten denkbaren Fehlverhalten gewährt, nämlich dem Betreiben von Polytheismus. Demnach ist als ursprünglich intendierter Textsinn anzunehmen, dass mit diesen beiden Sätzen gesagt sein soll: „Ich habe zwar die Macht, der Höllenstrafe auszuliefern, wen ich will. Aber meine Barmherzigkeit ist so unermesslich groß, dass ich auch eine derart schwere Sünde vergebe.“ Der Satz „meine Barmherzigkeit umfasst alles.“ ist also – das  haben auch muslimische Korankommentatoren schon so gesehen – ein Trostwort, mit dem Gott Mose versichert, dass keine bereute Sünde, auch nicht der Tanz um das goldene Kalb, mit dem die Israeliten ja vorübergehend die Grenze zur sonst nicht vergebbaren „Beigesellung“ überschritten haben, für Gottes Vergebungsbereitschaft zu groß ist. Eine wörtlich zu nehmende allgemeineGrundsatzerklärung Gottes über die Reichweite seiner Barmherzigkeit, aus der sich dann nach den Gesetzen der Logik entnehmen ließe, dass diese tatsächlich bedingungslos alles Existierende einschließt, folglich auch die Höllenstrafe, würde gar nicht in die geschilderte Situation passen und kann hier darum nicht gemeint sein.

Dafür spricht auch die unmittelbare Fortsetzung des Satzes „Meine Barmherzigkeit umfasst alles.“, die für die Barmherzigkeit Gottes gleich wieder präzise Bedingungen nennt. Gottes Antwort an Mose geht hier nämlich mit den Worten weiter: „Und ich werde sie (d. h. die Barmherzigkeit) denen zukommen lassen, die gottesfürchtig sind und die Almosensteuer geben, und die an unsere Zeichen glauben, denen, die dem Gesandten, dem heidnischen Propheten (d.h. Muhammad), folgen, … den sie bei sich in der Thora und im Evangelium verzeichnet finden[35]… .“ Hier wird also klar gesagt: Auch wenn Gott den mittlerweile wieder zu ihm bekehrten Israeliten ihren Tanz um das goldene Kalb vergibt –die Aussicht darauf, beim Jüngsten Gericht in seine Barmherzigkeit einzugehen, haben nur diejenigen, die der islamischen Religion angehören und deren Gebote befolgen.[36]


[17] S. z. B. Sure 69, 18‑31 (ähnlich 17, 71); 14, 51; 40, 17.         

[18] S. z.B. Sure 101, 6‑8; 7, 8‑9; 23, 102‑3

[19] Sure 4, 40.

[20] Sure 57, 11 und 17‑18. 

[21] Sure 11, 20; 25, 69; 33, 30. 

[22] Sure 99, 7‑8.

[23] Sure 2, 281 und mehrere Parallelstellen.

[24] Sure 45, 30.

[25] Sure 57, 13.

[26] Sure 3, 106-107.

[27] Gelegentlich (z. B. Sure 30, 33‑34; 41, 50) kommt die Sprache auch auf Menschen, denen Gott durch Hilfe im Unglück unverdiente Kostproben seiner Barmherzigkeit gegeben hat, die aber so undankbar sind, dass sie sofort danach nichts mehr von ihm wissen wollen. 

[28] Sure 26, 119‑122.

[29] Sure 11, 73. 

[30] Sure 26, 63‑68.

[31] Sure 7, 72; 11, 94.

[32] Khorchide 2012, S. 51.

[33] Ibid. 51‑64, 74 (vgl. auch 131).

[34] Sure 40, 7. Dort leisten die Engel vor Gottes Thron Fürbitte für die früher heidnischen Anhänger des Propheten.

[35] Nach Darstellung des Koran wurde das Auftreten Muhammads von Gott in den heiligen Schriften der Juden und Christen angekündigt. 

[36] Gegenüber Muhammads jüdischen Zeitgenossen, die ihn zu seinem Leidwesen nicht als Propheten anerkennen wollten, erfüllt diese Belehrung die Funktion, vorsorglich der Erwartung zu widersprechen, sie könnten ohne Bekehrung zum Islam ins Paradies kommen, nachdem Gott ihrem Volk den Tanz um das goldene Kalb vergeben hat.

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